Zufrieden alt werden - im Pflegeheim?!

»Mir geht es hier gut«, sagt Johanna Gödele (Name geändert). Die 95-jährige alte Dame lebt seit März im Kirchheimer Henriettenstift. »Das Essen ist gut und es gibt viel Programm im Haus.« Außerdem könne sie jeden Tag aufstehen und ihre Angehörigen kämen oft zu Besuch, berichtet sie. Ihr gefalle auch das freundliche und offene Haus und das helle Zimmer. Das Wichtigste aber ist: »Hier sind alle nett und freundlich zu mir!« Und Petra Fehleisen, Hausleitung des Henriettenstifts erzählt: »Wenn ich sie treffe und mit ihrem Namen anspreche, zaubert das sofort ein Lächeln auf ihr Gesicht.«
Kann Lebensqualität im Pflegeheim so einfach sein? Ein Dach über dem Kopf, ein Bett, drei Mahlzeiten täglich, Tagesprogramm und freundliches Personal? Johanna Gödele würde vermutlich mit Ja auf diese Frage antworten – die bettlägrige und schwerstpflegebedürftige Bewohnerin einige Zimmer weiter vielleicht nicht. Karl-Ernst Kreutter, der bei der Altenhilfe der Zieglerschen unter anderem für das interne Fort- und Weiterbildungsprogramm zuständig ist und zum Thema Lebensqualität im Pflegeheim verschiedene Veranstaltungen konzipiert hat: »Lebensqualität wird immer subjektiv empfunden. Man hat Krebspatienten und Lottomillionäre zu ihrer Lebensqualität befragt – und im Ergebnis haben sich beide Gruppen nicht unterschieden.« Das rein subjektive Empfinden ist also für die Bewertung der eigenen Zufriedenheit ebenso ausschlaggebend wie die objektiven Rahmenbedingungen, in denen ein Mensch lebt.

Ein Befund, der von den Praktikern im Heimalltag bestätigt – und aufgenommen wird. »Wir wollen direkt die Bewohner und ihre Wünsche wahrnehmen und darauf eingehen«, sagt zum Beispiel Hausleiterin Monika Materna. Sie ist die Leiterin des neuen »Seniorenzentrums im Welvert« in Villingen, das Anfang August eröffnet wurde. Im neuen Haus soll Lebensqualität für die Bewohnerinnen und Bewohner möglichst individuell entstehen. Monika Materna, eine erfahrene Hausleiterin, die bis vor kurzem das Seniorenzentrum der Zieglerschen in Bad Waldsee geleitet hat, hat ihrem engagierten Team deswegen einen Perspektivenwechsel verordnet. »Einmal gedanklich eine pflegerische Situation aus der Sicht des Bewohners zu sehen und nicht aus der Sicht der Pflege« – das sei eine einfache Möglichkeit, besser auf die Bedürfnisse der Menschen in der Einrichtung einzugehen.

Auch sonst hat Monika Materna viel vor in der neuen Einrichtung, die baulich alles mitbringt, was ein modernes Pflegeheim heutzutage ausmacht. Die insgesamt 90 Plätze teilen sich in Wohngruppen zu je 15 Bewohnerinnen und Bewohnern auf. Alle Zimmer sind Einzelzimmer und verfügen über ein eigenes Bad. Jede Wohngruppe wiederum ist mit einer eigenen Küche, einem eigenen Wohnzimmer und einem Esszimmer ausgestattet. »Wir wollen mindestens einmal pro Monat gemeinsam kochen. Jeder Bewohner darf sich sein Lieblingsgericht wünschen, das kochen und essen dann Mitarbeiter und Bewohner zusammen. Es ist schon etwas Besonderes, wenn alle gemeinschaftlich schaffen und der Duft von frisch zubereiteten Mahlzeiten durchs Haus zieht.«

Weil viele der Bewohner nicht mobil sind, will sie »die Welt zu uns reinholen« – mit großen Fotos von Villingen und vom schönen Schwarzwald. »Wir wollen ganz gezielt einen Bezug zur Heimatstadt vieler Bewohner schaffen«. Wichtig ist es ihr, die Betreuungsangebote sehr genau auf die Bewohner abzustimmen. »Ob gemeinsames Singen, Gruppengymnastik, Einzelbetreuung mit Vorlesen, Spazierengehen, Kuchen backen oder gemeinsames Gespräch – alles muss für den Bewohner Sinn machen«, erklärt sie.

Alles kann, nichts muss: Das gilt dabei für alle Angebote, denn die Bewohnerinnen und Bewohner sollen möglichst frei sein in ihren Entscheidungen. »Wir wollen niemandem etwas aufdrücken, sondern unsere Angebote auf die Wünsche unserer Bewohner anpassen, damit sie nicht fremdbestimmt sind«, sagt Materna. Und: »Wir sollten im Umgang mit alten Menschen immer wertschätzend sein – das spüren Menschen bis zum Schluss.«

Im oberschwäbischen Leutkirch ist Priska Schneider-Dolinar gerade im Endspurt: Anfang Oktober eröffnet dort das neue »Seniorenzentrum am Ringweg«. Die designierte Hausleiterin macht sich natürlich auch Gedanken darüber, wie das Thema Lebensqualität in dem neuen Haus mit 75 Plätzen adäquat umgesetzt werden kann. »In einem neuen, hellen Haus zu leben ist natürlich schon Lebensqualität«, sagt sie. »Aber das muss man auch mit Leben füllen.« Das »Seniorenzentrum am Ringweg« soll deshalb ein offenes Haus sein. So ist beispielsweise eine Kooperation mit einem Kindergarten geplant. Wenn alles klappt, sollen die Kinder einmal in der Woche zum gemeinsamen Mittagessen in die Einrichtung kommen und so Leben ins Haus bringen. Doch allen Kooperationen zum Trotz sieht Schneider-Dolinar beim Thema Zufriedenheit im Pflegeheim zuallererst sich selbst und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefordert: »Persönliche Zuwendung ist wichtiger als schön zu wohnen.« Das wiederum, die persönliche Zuwendung, ist ihrer Ansicht nach eine Teamaufgabe, die alle – von der Pflegefachkraft über die Alltagsbegleiter, die Hauswirtschaft und auch sie selbst – angeht. »Wenn ich von meinen Mitarbeitern Wertschätzung gegenüber den Bewohnerinnen und Bewohnern erwarte, muss ich diese auch meinem Team entgegenbringen.«

Und im Kirchheimer Henriettenstift, der Heimat von Johanna Gödele? Für Hausleiterin Petra Fehleisen sind es sind die Kleinigkeiten, die ein zufriedenes Leben im Pflegeheim möglich machen. So eine Kleinigkeit ist beispielsweise die Hollywoodschaukel, die mit Hilfe des Freundeskreises angeschafft werden konnte. »Wir haben hier eine krebskranke Bewohnerin, deren sehnlichster Wunsch es war, draußen im Garten sitzen zu können «, berichtet sie. »Inzwischen ist die Hollywoodschaukel unter den alten Damen der Renner.« Oder die morgendliche Aufstehzeit. Heute können die Bewohnerinnen und Bewohner dann aufstehen, wann sie es wollen – und nicht mehr, wie das vor ein paar Jahrzehnten im Heimalltag noch Gang und Gäbe war – nach einem streng organisierten Ablaufplan. »Lebensqualität erschöpft sich nicht im Aufhängen von Qualitätssiegeln «, macht Petra Fehleisen klar. Apropos Freundeskreis und die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die sich im Besuchsdienst engagieren oder das Sonntags-Café im Saal verantworten: Auch das schafft Lebensqualität. Manche Bewohner, die keine Angehörigen haben, bekommen zum Beispiel einmal pro Woche »ihren« Besuch vom Besuchsdienst – das ist dann das Highlight der Woche.

Hollywoodschaukel, gemeinsames Kochen, Kindergartenkooperation – macht also jede Einrichtung in Sachen Lebensqualität ihr eigenes Ding? Nein, denn so verschieden die Einrichtungen auch sind stützen sich alle auf einen gemeinsamen Unterbau: die vielen Expertenstandards, das Wohngruppenkonzept, nach dem die Wohnbereiche in den einzelnen Einrichtungen aufgebaut sind, das Qualitätsmanagement mit seinen Handlungsanweisungen und Prozessbeschreibungen und nicht zuletzt das neue »Rahmenkonzept Lebensqualität«, das eine Expertengruppe aus Hausleitungen, Qualitätsmanagern und Hauswirtschaftsleitungen der Altenhilfe erarbeitet hat. »Tatsächlich ist das Thema Lebensqualität bei uns in der Altenhilfe nicht wirklich neu. Neu ist aber, dass wir nun sämtliche in der Altenhilfe der Zieglerschen vorhandenen und gelebten Ansätze zusammengeführt und systematisch zu einem umfassenden Konzept gebündelt haben«, sagt Karl-Ernst Kreutter, Mitglied der Expertengruppe.

Das neue Rahmenkonzept hat auch schon seinen Weg in das interne Fort- und Weiterbildungsprogramm der Altenhilfe gefunden, wie Karl-Ernst Kreutter berichtet. »Im Laufe des letzten Jahres sind die Bezüge zum neuen Rahmenkonzept bereits in das aktuelle Fortbildungsprogramm eingeflossen. « Fortbildungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden in der Altenhilfe der Zieglerschen einen wichtigen Schwerpunkt. Die rund 50 Angebote pro Jahr reichen von pflegefachlichen Fortbildungen über Führungsthemen bis hin zu Spiritualität und Seelsorge.

Damit, wie durch rituale in der Pflege Lebensqualität gesteigert werden kann, befassten sich beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Bereich soziale Betreuung der Altenhilfe in einem Workshop. »Rituale spielen im Leben eines jeden Menschen eine wichtige Rolle. Sie geben Halt, Sicherheit und Orientierung mitten im Alltag und an Lebensübergängen«, berichtet Karl-Ernst Kreutter. »Gerade auch in der Arbeit mit desorientierten Menschen entfalten Rituale ihre heilsame Wirkung. So beginnt ein Tag mit bewusst praktizierten Morgenritualen bereits ganz anders.«

Was die Fortbildungen ebenfalls vermitteln: Nur im Zusammenspiel aller Akteure in einer Einrichtung kann die Schaffung von Lebensqualität funktionieren. Wenn also alle Zahnrädchen reibungslos ineinandergreifen, kann das passieren, was Petra Fehleisen als ultimative Bestätigung bezeichnet: »Wenn eine Bewohnerin zu mir sagt: Hier wohne und lebe ich, und das ist gut so, dann weiß ich, dass wir etwas richtig gemacht haben. Das ist das beste Lob für mich.«

Ganz soweit ist es bei Johanna Gödele noch nicht – dafür trauert sie noch zu sehr um ihren verstorbenen Ehemann und um das gemeinsame Haus, in dem sie nach dessen Tod nicht mehr alleine leben konnte. Aber als ihre Angehörigen sie besuchen kommen, ist sie nicht in ihrem Zimmer – stattdessen sitzt sie im Sonntags-Café bei Kaffee und Kuchen: »Da hatte ich jetzt einfach Lust dazu...«

Autorenteam: Volkmar Schreier, Annette Scherer, Sarah Benkißer