Vom Umgang mit dem Tod

Ja, unter den Bewohnerinnen und Bewohnern im Seniorenzentrum Taläcker in Wendlingen ist der Tod durchaus Gesprächsthema. »Erst letzte Woche ist eine Bewohnerin auf mich zugekommen. Kurz vorher war jemand anderes auf dem Wohnbereich gestorben. ›Jetzt hat sie es auch geschafft‹, meinte sie zu mir«, erzählt Nathalie Wiedmann, die im Seniorenzentrum für den Bereich Soziale Betreuung zuständig ist.
Der Tod als Erlösung? Bettlägerigkeit, ständige Schmerzen, Wunden, die nicht mehr verheilen, der Geist verfallen, der Körper aber irgendwie noch am Leben – der allerletzte Lebensabschnitt als körperliche Leidenszeit. Oder aber die alte Frau, weit über 90 Jahre alt, von der eine erfahrene Pflegekraft, die ungenannt bleiben will, berichtet. Körperlich und geistig noch fit, kinderlos, der Mann seit Jahren tot, Freunde und Bekannte ebenfalls schon lange verstorben. »Wann holt mich Gott endlich auch zu sich?«, habe sie immer wieder gefragt. Da verliert der Tod vielleicht wirklich seinen Schrecken.

Die Angst vor dem Tod, die gibt es auch. Doch selten wird sie explizit geäußert, sie zeigt sich eher in Kleinigkeiten: Niedergeschlagenheit, nicht schlafen können, Unruhe, das Rufen nach den längst verstorbenen Eltern. Manchmal wird das Sterben auch zum sprichwörtlichen Ringen mit dem Tod, das sich in die Länge zieht. Wenn sich dann irgendwann auf dem Gesicht des Sterbenden das weiße Dreieck um Nase und Mund abzeichnet, die Nase spitz und die Lippen langsam bläulich werden, dann wissen die Pflegekräfte: Jetzt geht es zu Ende.

In Wendlingen begleiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Betreuungsdienstes die Sterbenden in diesem letzten Lebensabschnitt, unterstützt, wenn gewünscht, durch den örtlichen Hospizdienst. Sie leisten Beistand, halten die Hand des Sterbenden, versuchen, die Angst zu nehmen, sind einfach da. Hilfreich dabei ist die sogenannte »Sterbebox«, die alles enthält, um das Zimmer des Sterbenden würdevoll zu gestalten: Ein Kreuz, eine elektrische Kerze, Bibel, Gesangbuch, Karten mit kurzen Texten und Gebeten finden sich unter anderem darin. »Bei jemandem, von dem wir wissen, dass er sehr religiös ist, stellen wir dann beispielsweise das Kreuz auf und die Kerze, bei jemandem, dem der Glaube nicht so wichtig war, eben nur die Kerze – eben so, wie es sich der Bewohner gewünscht hat.« Woher Nathalie Wiedmann und ihre Kolleginnen und Kollegen wissen, was sich der Betreffende gewünscht hat? »Wir erfragen das beispielsweise bei der Aufnahme, oft ist es aber auch so, dass uns die Bewohner das einfach so sagen, wenn man sich unterhält.«

Aber wie geht man damit um, so oft mit Sterben und Tod konfrontiert zu werden? Ganz unterschiedlich, sagt eine, die es wissen muss. Petra Fehleisen ist langjährige Einrichtungsleitung in der Altenhilfe der Zieglerschen und hat zuletzt das Wendlinger Seniorenzentrum aufgebaut. So mancher komme damit auf Dauer nicht klar und suche sich einen anderen Job. Andere wiederum ließen die Dinge zu sehr an sich heran – am Ende stehe der Burnout. »Man muss sich letztendlich eine professionelle Distanz dazu aneignen«, sagt sie.

Was noch hilft: Gemeinsames Trauern und Abschiednehmen. »Manchmal ist es auch so, dass wir gemeinsam, also Pflegekräfte und Angehörige zusammen, von dem Verstorbenen in seinem Zimmer mit einem kurzen Gebet Abschied nehmen«, erzählt Nathalie Wiedmann. Wenn möglich, geht jemand aus der Einrichtung zur Beerdigung, das Seniorenzentrum Taläcker besorgt eine Grabschale und den Angehörigen wird eine persönliche Trauerkarte geschickt. Und wenn an der Mittagstafel des Wohnbereichs plötzlich ein Platz leer bleibt, halten Bewohner und Mitarbeiter kurz inne, jemand verliest ein Gedicht oder spricht für den Verstorbenen ein kurzes Gebet. Im monatlichen Gottesdienst werden die Verstorbenen in die Fürbitten eingeschlossen. Im Kondolenzbuch des Seniorenzentrums wird ein neuer Eintrag mit einem Gedicht oder Spruch und ein paar persönlichen Zeilen für den Verstorbenen angelegt. »Der Tod soll kein Tabuthema sein«, sagt Nathalie Wiedmann.

Während bei Alten- und Pflegeheimen der Tod also quasi schon auf dem Türschild steht, würde man dies von anderen Arbeitsbereichen der Zieglerschen so nicht vermuten. Dabei sind Sterben und Tod durchaus auch bei jungen Menschen ein Thema – so auch in der Jugendhilfe der Zieglerschen.

»Es geht nicht darum, dass, ob oder wie wir sterben«, sagt Stefan Geiger, »sondern wie wir damit umgehen.« Geiger ist einer, der dem Tod schon in allen seinen Facetten begegnet ist. Stefan Geiger, der mit seiner therapeutisch-seelsorgerlichen Aufgabe sowohl für die Jugend-, als auch die Behindertenhilfe der Zieglerschen tätig ist, hat selbst schon ein Nahtoderlebnis gehabt, »mit Herzstillstand, Licht am Ende des Tunnels und so weiter«. Das habe seinen Blick auf das Leben und den Tod verändert.

In der Jugendhilfeeinrichtung Martinshaus Kleintobel bekleidet Stefan Geiger die Stelle »therapeutisch-seelsorgerlicher Fachdienst«. Was er da tut? Vor allem Jugendlichen zuhören und mit ihnen reden, sie therapeutisch und in Krisen begleiten. Einzelgespräche, deren Inhalte in der Regel vertraulich bleiben. Es geht auch um den Tod. »Jugendliche beschäftigt es vor allem, wenn Gleichaltrige oder aber die Eltern sterben«, berichtet Stefan Geiger. »Und fast alle Jugendlichen haben in der Pubertät Selbstmordgedanken.« Aber, so weiß der erfahrene Seelsorger auch: »Die allermeisten tun es nicht.« Dennoch nimmt er jeden, der etwas in der Richtung sagt, sehr ernst.

Im Auftrag der Behindertenhilfe berät Stefan Geiger außerdem an drei Kliniken in Stuttgart, Ulm und Konstanz meist junge und jugendliche Patienten mit vielfältigen Kommunikationsstörungen. Nicht selten mündet dies in die Begleitung der ganzen Familie. Vor allem bei Erkrankungen, die zum Tode führen können oder auch bei jungen Menschen, die aufgrund eines schweren Unfalls bei normaler Intelligenz plötzlich schwerbehindert sind.

Einen solchen Fall hat er mit dem erst 15-jährigen Tobias erlebt, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, quasi mit Totallähmung. Tobias, dessen Name hier geändert wurde, kann nicht mehr sprechen, ist aber normalbegabt geblieben und drückte seine Verzweiflung mit Hilfe der Augensprache aus. »Er wollte nicht mehr weiterleben, wollte, dass sein Vater oder ich ihn umbringen sollen. Das Schlimmste für ihn war, wenn jemand versuchte, ihm Mut zuzusprechen durch entsprechende Aussagen wie: ›Wir werden einen Weg finden, dass du glücklich wirst‹«, erklärt Geiger. »Also habe ich ihm in unserer ersten Begegnung direkt gesagt: Tobias, wenn ich Du wäre, würde ich mich umbringen – aber nicht mal das bekommst du mit deiner Lähmung hin! Er lachte und weinte bitterlich zugleich. Wir haben uns verstanden. Inzwischen sind wir ›die zwei fast besten Freunde‹ und sowohl seine Todessehnsüchte, als auch seine Depressionen sind nur noch selten – ich bewundere ihn.«

Seine Erfahrungen fasst Stefan Geiger so zusammen: »Ob in der Jugendhilfe, der Behindertenhilfe oder der Kliniktätigkeit, meine Erfahrung ist, dass das Thema Tod meistens angstbesetzt und distanziert behandelt wird.« Sein Fazit: »Wir haben in unserer Gesellschaft einfach keine Trauerkultur«.

Sterben und Tod ist auch ein Thema in der Behindertenhilfe der Zieglerschen. Immer wieder sterben Schülerinnen und Schüler der Haslachmühle – entweder hier oder an den Heimfahrwochenenden daheim. »Sterben gehört zum Leben dazu. Meist geschieht das völlig unerwartet, jemand geht abends ganz normal ins Bett und wacht morgens nicht mehr auf. Manche unserer Schüler sterben aber auch infolge progressiver Krankheiten «, erzählt Bernd Eisenhardt, Direktor des sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums Haslachmühle.

Ein besonderer Platz zum Trauern und Erinnern wurde deshalb bereits vor einigen Jahren auf dem Gelände der Haslachmühle geschaffen: der Garten der Erinnerung. Rosen, Lavendel und Wildblumen umsäumen und schmücken diesen besonderen Ort. Der Garten ist nach einer Idee von Andreas Krapp kreisförmig angelegt und symbolisiert einen Mühlstein und ein Wasserrad. Gegen die Hangseite wurde der Garten mit einer Trockenmauer eingefasst, auf der Porzellan-Täfelchen mit den Fotos und den Namen der Verstorbenen befestigt sind.

Dabei ist der Gedanke an den Tod oftmals keine schlimme Vorstellung, wie Ulla Krüger vom psychologischen Fachdienst der Behindertenhilfe berichtet. »Was mich immer wieder überrascht, ist die Stärke, mit der behinderte Menschen mit dem Tod umgehen«, sagt sie. In der doch eher gegenständlich geprägten Gedankenwelt vieler behinderter Menschen sei der Tod kein Einschnitt mit ungewissem Ausgang: »Sie sterben ja nicht, sie gehen heim. Es ist eher ein Übergang – die Seele reist ja weiter zu Jesus.«

Viel wichtiger ist dann die Frage, was mit dem Körper nach dem Tod geschieht. Viele der behinderten Menschen, mit denen Ulla Krüger spricht, wollen keine Feuerbestattung. »Sie wollen ja eines Tages mit ganzem Körper wieder auferstehen.« Bei einem Häufchen Asche gehe das in deren Vorstellung nicht. »Viele sagen das dann auch ganz explizit und differenziert, gerade die, die sich im Leben viel mit dem Glauben beschäftigt haben.«

Sehr wichtig sind auch Rituale, gerade beim Abschiednehmen. »Wir richten die Verabschiedung sehr stark auf die Person des Verstorbenen hin aus und zeigen auch viele Bilder von gemeinsamen Begegnungen und Unternehmungen«, erzählt Bernd Eisenhardt. Und so kommt es in der Haslachmühle schon mal vor, dass bei einer Aussegnungsfeier »Hänschen klein« oder »Muss i denn zum Städtele hinaus« gesungen wird. Nämlich dann, wenn das Lied das Lieblingslied des Verstorbenen war.

Mit Kerzen werde der Verstorbenen gedacht und jeder spüre, dass es kein normaler Gottesdienst sei. Eisenhardt weiter: »Es herrscht eine andere Atmosphäre und Ruhe, auch stark eingeschränkte Personen spüren diese Betroffenheit. Manche tragen etwas vor, viele weinen.« Wenn der Sarg sich bei der Abschiedsfeier noch auf dem Gelände befindet, wird er von Schülern und Mitarbeitern nach draußen ins Fahrzeug gebracht und mit offener Heckklappe vom Gelände hinausgefahren. Begleitet vom Winken der Freundinnen und Freunde. Nach der Abschiedsfeier folgt in der Regel ein gemeinsames Kaffeetrinken mit der Wohngruppe, mit Lehrer und Leitern. »Oft sind Eltern beeindruckt und gerührt über diese Anteilnahme von Kollegium und Mitschülern«, so Eisenhardt. »Doch für uns ist das selbstverständlich und wichtig.« Von Volkmar Schreier