Unter Künstlern

Von Hanspeter Wieland
Pinselkratzen, andächtiges Pinselschaben, Bleistiftspitzmaschinendrillen, Buntstifte auch, wieder und wieder drillen. Ölkreiden, Tuschen, Ölfarben, Acrylfarben; Böden auch voll davon, Stühle, Hände, Wangen, Nasen … Es macht das vom vielen Getöse geschlagene arme Gemüt friedvoll, zuzusehen den Männern und Frauen »mit Hör-Sprachbehinderung, auch zusätzlich geistiger Behinderung, Menschen, mit ganz unterschiedlichen Assistenzerfordernissen zur künstlerischen Arbeit«, wie es in der Selbstdarstellung heißt. Es entstehen hier Bilderwelten von Künstlern, die manches anders hören, über die Dinge vielleicht auch ungewohnt sprechen und gleichsam das Leben bedenken. Es geschieht eben oft anders, beglückend in nicht so gewohnter Art.

Hier – das ist in der Malwerkstatt der Behindertenhilfe. Bei Silke Leopold, Malwerkstattleiterin, Agentin, Assistentin ihrer Künstler, treffen sie sich jeden zweiten Samstag im Monat in den freundlich-altmodischen Räumen der Wilhelmsdorfer Alten Hofmannschule. Da wird jeder einen Tag verbringen, für sich und doch in Gemeinsamkeit.

Alles Unverstellte ist ein Geschenk. Es lädt ein, es ihm herzlich gleichzutun. Warum etwas vormachen? In der Werkstatt hätte Kaschieren nicht viel Wert. Man sieht gleich, was mit mir los ist. Nimm mich, wie ich bin. Nimm mich an! Daraus entsteht alles. Bilder auch. Gewiss gäb es auch hier Anlässe genug für Verstellung. Aber vielleicht ist sie gleich durchschaubar? Und schon hat es allen Schrecken der Täuschung verloren, wenn jemand fragt: Hoi, woran hast du das gemerkt? Man ist gerührt, sodass man am liebsten umarmen möchte, aber da ist man schon selbst umarmt.

Damit ist nun eigentlich alles gesagt, warum ich gekommen bin. Und noch wie ich täppisch dort steh und fremdele, kommt Ralf Cieslik auf mich zu. Der junge Mann als Künstler bedeutet mir, dass wir aufeinander zugehn mit erhobener Hand! Sodass mir sein Handteller zugewiesen ist und ich sofort kapier und meinerseits den meinen auf den seinen haue, dass es klatscht. Mit mir hat zuvor das noch niemand getan.

Ich sehe Ruth Link beim Malen mit Ölkreide zu. Ihre Bilder kenne ich schon von Postkarten; es sind dort immer Schafe darauf. Eigentlich könnte es auch Hornvieh sein. Aber die »Hörner« sind so rundlich gebogen wie Hörner eigentlich nicht sind, eher wie gelockt. Also sind es Locken – also sind es Schafe. Heute aber ist eine Waschmaschine das Thema. Gerade malt sie am Knopf zum Einstellen der Programme, der in allen Farben ihrer Ölkreiden leuchtet. »Zum Drehen«, sage ich. Sie nickt. In ihrem blauen Arbeitsmantel kann ich früher kannte, wie sie jenseits allen Lärms der Montagebänder an ihren Tischchen saßen, Liedchen summend, und mit Hämmerchen Zahlen und Buchstaben in die Typenschildchen schlugen für z.B. Elektromotörchen. Sie malt, in sich versunken, konzentriert; es stört sie nicht, dass ich ihr still zuschau und keine Fragen stelle, dafür stellt sie hin und wieder eine kluge nach meinem Woher und Warum, und später, nachmittags, ist es dann einfacher Auskunft zu geben – über das, was man zu Mittag gehabt hatte. Sie, Linsen mit Spätzle, und da es bei mir Kässpätzle waren, haben wir sogar eine Art von unverhoffter Oberländer Verbundenheit miteinander.

Inge Nold mag sich nicht so zuschauen lassen, jedenfalls nicht über die Schulter. Davon werd ich unsicher und schnell hilflos. Und man muss die Situation retten. Inge Nold wird mir ein Buch zeigen. Es ist ein Buch vom Nachhausegehen. Fünf Jahre lang hat sie daran geschrieben und gemalt. Es ist auch ein Buch vom Glücklichsein: »Mama, Papa, Sohn und Tochter/ Alle 4 sind glücklich.« Auf das Blatt sind die vier hingemalt. Es ist ein dickes Buch, in dem es sich immer wieder ums Spazieren, Kaffeetrinken und ums Nachhausegehen dreht. Alle werden gezählt, beschrieben und hingemalt. Vater, Mutter, Geschwister, sogar Tiere. Aber da sind auch gemalte Tagebucheinträge: »Ich male sehr gerne, am liebsten wenn die Sonne scheint. (Inge Nold.)« – »Ich bin eine Frau in den besten Jahren und nicht mehr krank.« – »Was ich mag? – Hier bleiben, bald gibt es Kaffee mit Zucker und Milch!« Wohin wir gehen? In Inge Nolds  Bildergeschichten ist diese alte Frage wieder und wieder verzeichnet und auch die Antwort kommt so, wie´s keine andere darauf könnte geben: Immer nach Haus.

Eine Skulptur aus Pappmaschee wird angemalt. Die Skulpturenkünstlerin, die Arme in die Hüften gestemmt, nimmt Maß. Dann macht sie den ganzen Kopf weinrot. Dahinter Gindele (Karl Gindele!, dessen Bilder weitherum im Land zu sehen sind). Was hat er mit seinem schönen Bild gemacht, das sich erneut verändert hat? Er verändert ständig Formen und Farben, überpinselt inbrünstig, so sehr, dass sein schmaler Körper sich biegt. Ich denke, er ändert so lange, bis alles weg ist, was mir gefallen hat.

Ralf Cieslik – der junge Mann als Künstler mit rotem Cap, weißem Overall und Sonnenbrille hat die Bilder, die in rascher Folge von ihm fast schon hingeworfen worden waren, um sich herum gebaut. Sie zeigen an diesem Tag immer dasselbe, mal mit Sonnenstrahlen, mal ohne Sonne: ein Haus. Seine Gebärde ist leicht verständlich; er stellt die Fingerspitzen gegeneinander, dass sie ein Dach ergeben. Ich sage: Haus. Da lacht er und macht das Victory-Zeichen!

Ich möcht wiederkommen.

Der Autor
Hanspeter Wieland lebt in Überlingen und ist für Bücher und Gedichte in Seealemanisch bekannt. Über seinen Besuch in der Malwerkstatt schrieb er auf Hochdeutsch. Der ungekürzte Text (hier Auszüge) ist in der Zeitschrift »Mauerläufer« nachzulesen.