Talente in den Zieglerschen

Sängerinnen, Musiker, Filmemacher, Schatzsucher: In den Zieglerschen leben und arbeiten viele Talente.
Die Sängerin
»Freunde, Freunde sind so wichtig in meinem Leben…« klingt es glockenhell durch die Kirche in der Haslachmühle. Luwana Reinhardt sitzt zusammengekauert auf einer Stufe zum Altarraum und schaut zu Boden, ihren Oberkörper bewegt sie ruckartig vor und zurück. Was sie mit ihrer klaren Sopranstimme dem Mikrofon entlockt, will jedoch so gar nicht zu ihrer angespannt und irgendwie abwehrend wirkenden Körpersprache passen: Jeder Ton sitzt präzise, sie klingt gelöst und ganz bei sich. Auch im Interview mit der autistischen jungen Frau fällt dieser Widerspruch auf: Kein Augenkontakt, hektische Antworten, die nicht immer zur Frage passen und unter enormer Anspannung aus ihr herauszusprudeln scheinen. Doch zugleich wird eine starke Persönlichkeit spürbar, die weiß, was sie will, und ein unbestreitbares musikalisches Talent besitzt.

Die Musik begleitet Luwana Reinhardt von Kindesbeinen an: »Meine frühere Gruppe musste viel Strom bezahlen, weil ich immer soviel Detlev Jöcker gehört hab,« erzählt die 27-Jährige. Da die Einrichtung, wo sie den Großteil ihrer Schulzeit verbringt, kein Angebot für erwachsene Menschen mit Behinderung hat, wechselt sie vor etwa sieben Jahren in die Haslachmühle der Zieglerschen. Dort kommt sie in die Klasse von Lehrer Reinhard Löhl, der 2005 die »Haslachmühleband RELAX« ins Leben gerufen hat und auch im Unterricht viel Musik mit seinen Schülern macht. Er erinnert sich: »Du konntest automatisch richtig singen und den Ton halten.« Zwar kann Luwana Reinhardt nicht lesen, dafür aber kann sie die Liedtexte und Melodien schon nach ein- oder zweimaligem Durchspielen mit Bandleiter Reinhard Löhl auswendig. So wird sie 2009 zur Lead-Sängerin bei RELAX. Viele Auftritte haben sie und ihre Bandkollegen seitdem bestritten, zum Beispiel beim Kirchentag 2016 in Stuttgart oder bei der Siegerehrung der Special Olympics-Skifahrer vor einigen Jahren in Balderschwang. Minus 20 Grad habe es dort gehabt, »da ist mir das Brot eingefroren «, erinnert Luwana Reinhardt sich.

Der Musiker
Ein großes Talent schlummert auch in einem, dem man das seiner eher trocken klingenden Stellenbezeichnung nach bestimmt nicht zugetraut hätte: Im erinnern, wann er erstmalig Bass gespielt hat: »Das war 1984 im Festsaal beim ersten Mitarbeiterfest, das ich in der Haslachmühle erlebt habe.« Weil der spielenden Band damals ein Bassist fehlte, das Instrument selber aber auf der Bühne stand, stieg Willi Hiesinger, der zuvor noch nie Bass gespielt hatte, spontan auf die Bühne. Und spielte mit, als hätte er vorher nie etwas anderes getan. Da war er 27 Jahre alt.

Unkonventionell ging’s auch anschließend weiter: Statt Unterricht gab’s erst mal Selbststudium. Bis 1998. Seit dem Jahr nimmt er vierzehntägig Unterricht beim studierten Bassisten Heiner Merk in Ravensburg. Zu der Zeit begann sein Sohn Benjamin nämlich, Musik zu studieren und Willi Hiesinger konnte dessen Musikstunden direkt übernehmen. Und wann wird geübt? »Ich spiele meist drei Stunden am Wochenende«, erzählt er. Einmal pro Woche probt er mit dem New Jazzport Orchestra. »Bigband-Spielen ist allerdings nicht erholsam«, so seine Erfahrung. Weil eine Band nur so gut sein könne wie jedes einzelne Bandmitglied, trage jeder Musiker eine hohe Verantwortung. »Die Anspannung lässt erst nach der Probe nach, dann werden auch die Glückshormone ausgeschüttet«, erzählt er.

Der Filmemacher
Dass es in der Mitarbeiterschaft der Zieglerschen viele außergewöhnliche Talente gibt, belegt auch das Beispiel von Hans-Peter Lübke. Höhepunkt seiner Geschichte: Im Oktober 2016 wird er mit seinem Dokumentarfilm »Auf der Suche nach Paul« zu den Biberacher Filmfestspielen eingeladen. Doch der Reihe nach. In seinem Berufsleben ist Hans-Peter Lübke seit 24 Jahren Hörgeschädigtenlehrer am Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf – seit Neuestem »Schule am Wolfsbühl«. Am Wochenende oder in seiner unterrichtsfreien Zeit arbeitet er an verschiedenen Filmprojekten. Wie in der Arbeit mit hörgeschädigten Kindern steht auch in seinen Filmen die Kommunikation als Leitgedanke über allem. Seinen künstlerischen Ursprung hat Hans-Peter Lübke eigentlich in der bildenden Kunst. Doch irgendwann stellt er fest, dass er seine »Menschengeschichten« mit Bild und Ton besser erzählen kann. Somit kommt er vor 15 Jahren zur Filmerei.

Dass er sein Geschäft ganz gut versteht, zeigt sich in seinen Schülerfilmen, von denen bereits vier mit Preisen ausgezeichnet wurden. Bei seinen Schulprojekten ist es Lübke wichtig, dass seine Schüler ihre ganz eigenen Geschichten liefern, die er dann mit ihnen gemeinsam technisch umsetzt. Seine Video-AG ist ein freiwilliges Angebot, bei dem hörgeschädigte und sprachbehinderte Schüler frei und unkompliziert miteinander kommunizieren können. »Es ist wie Wasser in vertrocknete Pflanzen reinzuschütten, damit sie wieder wachsen können«, zeichnet er das Bild, das für ihn als Gedanke über seiner Arbeit steht.

Vor fünf Jahren dann beginnt Hans-Peter Lübke sein Filmprojekt in Namibia. Es ist eine Spurensuche in seiner eigenen Vergangenheit. Angefangen hat alles damit, dass er ein Foto aus seiner Kindheit als Missionarssohn in dem südafrikanischen Land wieder in die Finger bekommt. So kommt es, dass er 50 Jahre, nachdem er Namibia verlassen hat, ein berufliches Sabbatjahr einlegt und dorthin zurückkehrt, um seinen ehemaligen Spielfreund Paul zu suchen. Er beschäftigt sich mit seiner Vergangenheit und lernt dabei viele Menschen kennen, die ihm bei seiner schwierigen Suche helfen. Dieses bisher größte Projekt wird nach insgesamt fünf Jahren Arbeit mit der Aufnahme in das Programm der Biberacher Filmfestspiele gekrönt, wo der Film Anfang November Weltpremiere feiert. »Dafür bin ich sehr dankbar. Es freut mich riesig!» resümiert Hans-Peter Lübke.

Die »Schatzsucherin«
»Sag DEM mal, dass ich nicht alte Leute bin!« ereifert sich Christel Kusche bei ihrer Tochter Angelika. Beim Wannweiler Maifest hatte ein Besucher die Tochter gefragt, ob es ihrer Mutter denn nicht zu laut sei hier, das sei bei alten Leuten doch schon so eine Sache. Dass »Kiki«, wie ihre Familie und Freunde sie liebevoll nennen, auch mit über 90 Jahren noch nicht zum »alten Eisen« gehört, merkt man jedoch schnell. Seit 2013 lebt die Seniorin in ihrem gemütlich eingerichteten Zimmer im Seniorenzentrum Wannweil. Ausgestattet mit ihrem Sofa, dem damals »sündhaft teuren« und eleganten Couchtisch und den vielen Fröschen, die durch ihre große Sammelleidenschaft zusammengekommen sind, sowie vielen Erinnerungsstücken und Fotos genießt die 93-Jährige ihr Leben sichtlich. Ein schönes Leben habe sie geführt, sagt Christel Kusche und Tochter Angelika nickt bestätigend.

Gemeinsam teilen Mutter und Tochter ein ungewöhnliches Hobby: Beide reisen gerne und frönen einer Leidenschaft für Ausgrabungen, Steine und Fossilien. Mehrfach reisen sie in den Naturpark Altmühltal, um dort versteinerte Zeugnisse aus der Jurazeit zu finden. Das Altmühltal ist ein Paradies für Hobby-Fossiliensammler, hier wurden schon Originale des seltenen Ur-Vogels Archaeopteryx und prächtige Schnabelfische aus den Kalkschichten geborgen. Noch als 81-Jährige fährt Christel Kusche in den Altmühltaler Fossilien-Steinbruch. Sie und ihre Tochter finden dort vor allem Ammoniten und Haarsterne. Die Steinplatten mit den darin eingeschlossenen Fossilien hat Christel Kusche als Andenken in ihr Zimmer im Seniorenzentrum mitgenommen.

Christel Kusche und ihre Tochter können mittlerweile nicht mehr gemeinsam nach versteinerten Ur-Tieren Ausschau halten. Inzwischen hat das Alter auch bei Christel Kusche seinen Tribut gefordert. Tochter Angelika genießt jetzt nicht mehr die Reisen, aber doch die Erinnerung an die gemeinsame Zeit – in den »Lichtstern-Sekunden« ihrer Mutter, die die Demenz den beiden noch gibt.

Autorenteam: Sarah Benkisser, Annette Scherer, Jens Walther und Jacqueline de Riese