Muss das wirklich sein? Warum die Zieglerschen um Spenden bitten

■ Von Johannes Ziegler, dem Namensgeber der Zieglerschen, sind zahlreiche Anekdoten überliefert. Viele von ihnen beschreiben, wie er »die Anstalten« durch den allgegenwärtigen Geldmangel führte. Eine Geschichte geht so: »Am 27. März 1895 gehe ich über den Saalplatz ins Pfarrhaus. Es begegnete mir die … 70jährige Christine Laitensberger … ›Ei‹, denke ich ›die Christine hat bei dir ihren Zins auch noch nicht geholt‹.« 300 Mark hatte sie Ziegler geliehen,  zum 2. Februar war der Zins von 13 ½ Mark fällig. Ziegler bittet sie daher in sein Büro und fragt: »›Ja, aber warum kommen Sie nicht zu mir und fordern Ihr Eigentum? Warum lassen Sie Ihren Zins so lange stehen?‹ … ›Ach‹, erwiderte sie demütig, ›ich wollte Ihnen dieses Mal denselben für Ihre Taubstummenanstalt schenken.‹«
Diese Christine, so schreibt Ziegler weiter, »ist 70 Jahre alt und hatte nicht den geringsten Verdienst. Sie erhielt von Verwandten Wohnung und Kost, und diese erhalten nach ihrem Ableben das wenige, was noch vorhanden ist. Wer es da über sich bringen kann, … 13 ½ Mark armen Taubstummen zu schenken und lieber bei einer Freundin Geld … zu entlehnen, als den vor zwei Monaten schon fälligen Zins zu holen, ist eine Wohltäterin erster Größe. Wenn du einmal im Begriff bist, unnötige Ausgaben zu machen, und Gelegenheit hast, Armen und Elenden wohlzutun, dann denk an die 70jährige Christine.«

So also begann die diakonische Arbeit in Wilhelmsdorf: immer am Existenzminimum, ständig angewiesen auf Wohltäter und Gönner und stets getragen von denen, die von dem Wenigen, was sie hatten, für die gaben, die noch weniger hatten. Doch mit zunehmender Professionalisierung der sozialen Arbeit, mit der Entwicklung der Zieglerschen zu einem Sozialunternehmen trat die Bedeutung von Spenden in den Hintergrund. Pflegesätze, Investitionskostenzuschüsse, Förderprogramme, Sozialleistungen – die breite Palette öffentlicher Mittel machte den Zieglerschen die Finanzierung ihres diakonischen Tuns leichter. Auf Spenden war man kaum noch angewiesen, jetzt gab die öffentliche Hand.
 

  Ein Ort der Einkehr für Patientinnen und Besucher: Die Kapelle an der »Höchsten-Klinik« in Bad Saulgau. Sie wurde ausschließlich aus Spendengeldern erbaut.
Bilderstrecke: Woher und wohin: Spenden in den Zieglerschen (6 Bilder).

 
Wieder ändern sich die Zeiten. Die öffentlichen Haushalte stehen unter Sparzwang, gleichzeitig steigt der Bedarf. So werden die Spielräume enger und der Arbeitsalltag komplizierter. Zugleich ist die Armut in Deutschland seit Jahren immer konkreter spürbar. Auch die Zieglerschen stoßen immer häufiger auf Bedürftigkeit. Ursula Belli-Schillinger, Geschäftsführerin des Hör-Sprachzentrums: »Schon seit Jahren fallen uns immer mehr Schüler auf, die ihre Klassenausflüge nicht bezahlen können oder Familien, die nicht in den Sommerurlaub fahren, weil sie kein Geld dafür haben.« Auch Prof. Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, kennt solche Geschichten: »In unsere Suchtkliniken kommen manchmal Patienten, die nicht einmal Kleidung zum Wechseln haben, wenn sie die Therapie beginnen. Und in der Altenhilfe nimmt die Zahl derer zu, die am Existenzminimum leben.«

Natürlich könnte man davor die Augen verschließen. »Gehört nicht zu unseren fachlichen Aufgaben«, könnte man sagen, »wird nicht finanziert«, »geht uns nichts an«. Doch die Zieglerschen antworten darauf: »Wer, wenn nicht wir, die Diakonie, wäre aufgerufen, da genauer hinzuschauen und zu helfen?« Und sie haben etwas getan.

Seit gut sieben Jahren bietet das Hör-Sprachzentrum in Altshausen zum Beispiel »Ferien für Kinder aus einkommensschwachen Familien in der Region an. Die Ferienplätze waren von Anfang an ausgebucht. Oder die Vesperkirchen in Ravensburg und Weingarten. Gemeinsam mit dem Diakonischen Werk des Kirchenbezirks haben die Zieglerschen vor fünf Jahren die Vesperkirche aufgebaut. Für drei Wochen im Winter wird die Kirche geöffnet und geheizt. Angeboten werden preiswertes Essen, kostenlose Ärzte, Seelsorger und Kultur. Jedes Jahr kommen mehr als 10.000 Besucherinnen und Besucher.

Auf diese Weise sammeln sich bei den Zieglerschen mehr und mehr Aufgaben, die nur noch mit Spenden und privaten Mitteln zu finanzieren sind. Mit wachsenden Aufgaben wächst auch der Spendenbedarf. Und das in einer Zeit, in der immer mehr Organisationen auf Spenden angewiesen sind und auf den sogenannten Spendenmarkt drängen. Deshalb haben die Zieglerschen vor gut zwei Jahren erstmals einen hauptamtlichen Fundraiser eingestellt. Er heißt Matthias Braitinger, ist 35 Jahre alt und zugleich Manager der Johannes-Ziegler-Stiftung. Mit seinem Amtsantritt hat er begonnen, die Spendenwerbung in den Zieglerschen neu zu organisieren und weiter zu professionalisieren. Braitingers Grundprinzip: »Beziehungen sind das Wichtigste von allem. Die Wertschätzung und die Pflege der Beziehung zu unseren Spenderinnen und Spendern sind entscheidend in meiner Arbeit.«

Aber wer sind eigentlich all diese Spenderinnen und Spender der Zieglerschen? Genau 2.957 Menschen waren es im letzten Jahr. Wo kommen sie her? Und wofür spenden sie? Matthias Braitinger: »Unsere Spender kommen vor allem aus Baden-Württemberg und hier wiederum aus dem Landkreis Ravensburg. Auch im Landkreis Esslingen, in Stuttgart, im Bodenseekreis und im Zollernalbkreis haben wir viele Unterstützer. Dank unserer Datenbank können wir das sehr genau sagen.« Besagte Datenbank verrät übrigens noch mehr, manches davon überrascht. Zum Beispiel, dass Nordrhein-Westfalen den 3. Platz in der »Länder-Wertung« der Spenden für die Zieglerschen einnimmt. Und das weit entfernte Schleswig-Holstein Platz 5. Oder dass in den kalten Monaten Januar, November und Dezember am meisten gespendet wird.

Aber warum werden diese Daten überhaupt erfasst? Und geht da in Sachen Datenschutz alles mit rechten Dingen zu? Fundraiser Braitinger: »Viele Menschen wünschen eine Spendenquittung – und umgekehrt möchten wir ihnen auch für die Unterstützung danken. Deshalb bitten wir alle Spenderinnen und Spender um ihre Adresse. Auf dieser Basis können wir dann ermitteln, woher unsere Unterstützer kommen.« Dass in Sachen Datenschutz allerhöchste Sicherheits- und Vertrauensstandards angelegt werden, darauf legt Matthias Braitinger besonderen Wert. »Jeder, der uns seine Adresse anvertraut, kann sich zu 100 Prozent darauf verlassen, dass sie niemals in falsche Hände gerät oder für andere Zwecke verwendet wird. Das garantieren wir.«

Neben dem WOHER ist natürlich auch bekannt, WOHIN die eingegangenen Spenden gehen. 2012 floss das meiste Geld in die »Dauerbrenner-Projekte«, also zur Johannes-Ziegler-Stiftung mit 93.510 Euro, zur Vesperkirche mit 32.125 Euro und zur Ferienfreizeit für bedürftige Kinder mit 32.079 Euro. Jeder einzelne Euro wird dabei exakt verbucht – schon allein deshalb, weil sich die Zieglerschen dem Transparenzprinzip verpflichtet haben. Dieses verlangt, dass über jeden Spenden-Euro Rechenschaft abgelegt und das Geld innerhalb einer bestimmten Zeit »ausgegeben« werden muss.

Wie aber gewinnen die Zieglerschen ihre Spender? Woher kommt das Geld? Lange wurde vor allem auf sogenannte Mailings gesetzt – auf persönliche Briefe an bereits bekannte Unterstützer. Und auf sogenannte »Kaltadressmailings«, also Briefe an Menschen, die für die Zieglerschen bisher noch nicht gespendet haben. Diese Spendenbriefe – bis zu sechs Schreiben pro Jahr – sind noch immer das wichtigste Instrument, um Menschen über ein Spendenprojekt zu informieren. Doch insbesondere bei den Kaltadressmailings ist der deutschlandweite Trend zu beobachten, dass sie in Zeiten der Werbeflut immer weniger wirksam sind. Zugleich sind die Produktionskosten hoch und die Verbundenheit der Spender mit den Zieglerschen oft nur von kurzer Dauer. Deshalb nutzen die Zieglerschen immer mehr Kanäle, um mit ihren »alten« und potenziellen neuen Spendern in Kontakt zu kommen. »Wir machen nun durch einen Mix aus Beileger- und Anzeigenwerbung, gezielter Öffentlichkeitsarbeit und sehr reduzierten Kaltadressmailings auf unser Anliegen aufmerksam«, so Fundraiser Braitinger. »Der Erfolg bestätigt unsere Entscheidung. So konnten die Kosten zur Neuspendergewinnung stark gesenkt werden und gleichzeitig haben 915 Menschen zum ersten Mal für unsere Arbeit gespendet – 422 Menschen mehr als im Vorjahr.«

Darüber hinaus haben die Zieglerschen 2012 neue Formen der Unterstützung eingeführt. So bieten sie nun die Möglichkeit einer Nachlassspende zugunsten der Johannes-Ziegler-Stiftung, bitten Gerichte und Staatsanwaltschaften um Bußgelder und haben mit der Internetseite »www.zieglersche.de/mithelfen auch eine digitale Spendenplattform geschaffen. Für die Zukunft ist geplant, den Service für die Spender weiter zu verbessern und so Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Vorstandsvorsitzender Prof. Harald Rau: »Es gilt hier die goldene Regel: Die Unterstützer werden durch die diakonische Arbeit für Menschen auf die Zieglerschen aufmerksam, sie bleiben aber wegen der guten Betreuung.«

Zum Abschluss noch einmal Professor Rau: »Wir freuen uns über jede Form der Unterstützung und Verbundenheit mit den Zieglerschen«. Und sein Vorstandskollege Rolf Baumann ergänzt: »Es ist egal, ob jemand als Ehrenamtlicher in den Freundes- und Förderkreisen aktiv ist, einmal spendet, als Richter oder Staatsanwalt Geldauflagen zuweist oder sogar seinen Nachlass zugunsten der Zieglerschen oder der Johannes-Ziegler-Stiftung regelt. Vielen Dank für Ihre Verbundenheit und Treue!«

Von Petra Hennicke