Bauen in Zeiten der Inklusion

Klaus Witzer, 86, hält sich an seinem Rollator fest und übt mit seiner Therapeutin im quadratischen und großräumigen Innenhof des neu erbauten Seniorenzentrums Leutkirch. Geflieste, ebene Wege führen um einen begrünten Hügel, der sich in der Mitte des Innenhofs erhebt. Vier Fassaden des Hauses umschließen den Hof, mehrfach stehen kleine Holzbänke und Sitzgruppen an der Seite, rote Sonnenschirme spenden Kühle. »Ich finde den Innenhof sehr schön und fühle mich dort wohl«, sagt Witzer, »man kann spazieren gehen und sich hinsetzen«. Er, der weltgewandte und weitgereiste ehemalige Verleger, der sehr viel erlebt hat, sitzt oft im Rollstuhl am Schreibtisch seines Zimmers, liest, resümiert und blickt auf sein bewegtes Leben zurück. Für ihn, der früher wenig fremdbestimmt war, ist es umso schöner, wenn er heute solche Flächen wie den Innenhof als Ausgleich hat.
Vor Witzers Zimmertüre führt ein Flur in die Wohngruppe, die in warmen Rottönen gehalten ist. Im Essbereich sind mehrere Vierer-Tische zusammengerückt, eine Gruppe älterer Menschen sitzt bei Kaffee und Kuchen, lachend und witzelnd. Auf der gegenüberliegenden Seite lädt eine Nische mit rotem Sofa, Ohrensessel, Bücherregal und Fernseher zum Verweilen ein. Insgesamt 15 ältere Menschen wohnen hier zusammen und teilen diesen späten Lebensabschnitt.

»Unsere Seniorenzentren sollen so wohnlich wie möglich aussehen«, sagt Sven Lange, Geschäftsführer in der Altenhilfe der Zieglerschen. »Die Menschen sollen das Gefühl haben, dass sie heimkommen«. Weg vom »Heimcharakter «, hin zur Wohngruppe, die mittlerweile auch gesetzlich vorgegeben ist. Mit dieser Art, Seniorenzentren zu bauen, setzen die Zieglerschen aber nicht nur die »Landesheimbauverordnung « um, sie erfüllen damit auch ihre fachlichen Ansprüche an moderne Pflege, die immer stärker gefragt ist. »Aufgrund des demografischen Wandels werden die Menschen älter und die Nachfragen der Städte und Gemeinden nach Pflegeplätzen nehmen zu«, sagt Lange. So verzeichnet er in seinen regionalen Statistiken und Bedarfsanalysen steil nach oben gehende Zahlen, die sich mit offiziellen Zahlen decken. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass im Jahr 2060 etwa jeder achte Mensch 80 Jahre und älter sein wird. 2013 war es nur jeder zwanzigste. Kein Wunder also, dass die Anzahl der Standorte der Altenhilfe stetig zunimmt und die Bagger regelmäßig anrollen.

Derzeit sind es allein in der Altenhilfe fast 30 Bauprojekte (Neubauten, Erweiterungsbauten oder Umbaumaßnahmen), die in einer Zeitschiene wie an einer Kette bis zum Jahr 2027 hintereinander hängen. Grafisch dargestellt wird dies im sogenannten Masterplan, der ausgedruckt rund sechs Quadratmeter einnimmt und annähernd einer Tapete gleicht. »Masterplanung soll zum einen darstellen, was baulich erforderlich ist, zum anderen aber auch die finanzielle Auswirkung
und den zeitlichen Aspekt«, sagt Christoph Arnegger, Geschäftsführer im Facility Management der Zieglerschen. Bis dieses Steuerungsdokument allerdings als Tapete in den Büros von Christoph Arnegger und seinen Mitarbeitern hängen und jedes einzelne Projekt mit einer geschätzten Bausumme versehen werden kann, bedarf es einer aufwändigen Koordination mit allen Geschäftsbereichen der Zieglerschen.

Eine, die in diesem Prozess als Bindeglied wirkt, ist Sarah Emslander, Bereichsleiterin für die Strategische Planung im Facility Management. »Zunächst geben uns die Hilfefelder an, was aufgrund fachlich-politischer Änderungen baulich gemacht werden muss. Das nehmen wir dann auf, bringen es in eine Reihe und dann schauen wir unterm Strich, ob das liquiditätstechnisch überhaupt aufgeht.« Fast 173 Millionen Euro Bauvolumen haben die Zieglerschen für die kommenden 10 Jahre angesetzt, aufgeteilt auf rund 90 einzelne Bauprojekte.

Als »absolutes Erfolgsmodell « bezeichnet Uwe Fischer, Geschäftsführer in der Behindertenhilfe diese Zusammenarbeit. Wichtig für ihn: In den gemeinsamen Gesprächen mit den Kollegen aus dem Facility Management stehe immer der Bedarf der Menschen im Mittelpunkt. »Zuerst muss das Fachkonzept stehen und dann antwortet das bauliche Konzept darauf«, so Fischer.

Gerade in der Behindertenhilfe führen die fachlichpolitischen Veränderungen zu Umbrüchen, die sich vielfach baulich auswirken: »Inklusion,  Dezentralisierung, Landesheimbauverordnung, neue Förderrichtlinien und Landespersonalverordnung: Das sind alles neue Anforderungen, die auf einem veränderten Blick der Gesellschaft auf die Lebensverhältnisse von Menschen mit einer Behinderung gründen«, sagt Fischer. Gemeinsam ist diesen neuen Gesetzen und Verordnungen: Sie alle wollen nachhaltige Verbesserungen für die Menschen mit Behinderung erreichen.

Sie sollen besser am Leben in der Gesellschaft teilhaben, ein gleichberechtigtes Leben an dem Ort führen, an dem sie aufgewachsen sind, ausreichend Platz und ein gutes Wohnumfeld haben. »Wir als Träger müssen auf diese Anforderungen reagieren«, sagt Fischer. Doch heißt dies nicht nur, neue Wohnhäuser oder Werkstätten an dezentralen Standorten wie Bad Saulgau oder Aulendorf zu bauen und neue Konzeptionen zu schreiben.

»Darüber hinaus müssen wir unsere bestehenden Angebote unter die Lupe nehmen«, so Fischer. »An den bisherigen Komplexstandorten wie der Haslachmühle steht das Stichwort Deinstitutionalisierung im Mittelpunkt.« Übersetzt: Orte, an denen Menschen mit Behinderung bisher sämtliche Leistungen und Angebote wie Hausarzt, Psychologe oder Therapeutisches Reiten aus einer Hand erhalten haben, sollen weiterentwickelt und die Lebensverhältnisse dort »normalisiert« werden.

Die Grundstrukturen für diese Deinstitutionalisierung sollen bis Ende 2017 gelegt sein, beschäftigen wird sie die Behindertenhilfe voraussichtlich die nächsten fünf bis zehn Jahre. Und so stehen für den Zeitraum bis 2027 auch in der Behindertenhilfe zahlreiche Bauprojekte auf der »Masterplanungs-Tapete« von Christoph Arnegger, darunter die besonders komplexen Entwicklungsprojekte an den Hauptstandorten Wilhelmsdorf und Haslachmühle.

In der Masterplanung findet sich auch das Hör-Sprachzentrum wieder. Als »riesige Nummer« bezeichnet Geschäftsführerin Ursula Belli-Schillinger jenen Prozess, in dem die sieben Schul-, elf Kindergarten- und zehn Inklusionsstandorte zwischen Biberach, Sigmaringen und Friedrichshafen derzeit stecken. »Unser Schulentwicklungsprozess wird maßgeblich vom demografischen Wandel, von schulpolitischen Entwicklungen und von den baulichen Gegebenheiten unserer Schulgebäude und deren Anpassungen an zukünftige Konzepte beeinflusst.« Vor allem an Gebäuden der drei Traditionsstandorte Ravensburg, Altshausen und Wilhelmsdorf besteht erheblicher Sanierungs- und Anpassungsbedarf. »Die Sanierung durch Brandschutzauflagen ist das eine. Doch wir wollen diese Chance auch nutzen, um uns gleich qualitativ gut aufzustellen, damit wir für die zukünftigen Herausforderungen gewappnet sind«, sagt Belli-Schillinger.

Auch im Hör-Sprachzentrum kommt also zuerst das Fachkonzept und dann die bauliche Umsetzung. »Unsere sieben Schulstandorte entwickeln ihre Unterrichtskonzepte weiter: Wir beschäftigen uns mit selbstorganisiertem Lernen oder setzen neue Schwerpunkte im Übergang zur beruflichen Ausbildung«, erklärt die Geschäftsführerin. Diese neuen Konzepte müssen sich dann in den Schulgebäuden widerspiegeln. So sollen künftig differenziertere räumliche Möglichkeiten für kleinere und größere Gruppen entstehen, sodass nach unterschiedlichen Bildungsniveaus unterrichtet werden kann. Außerdem auf der langen Entwicklungsliste des Hör-Sprachzentrums: die Aufnahme von Schülern ohne Behinderung, also »Inklusion umgekehrt«. Auch der Ausbau von Räumen für Kunst- oder naturwissenschaftlichen Unterricht steht im Fokus. Ursula Belli-Schillinger berichtet: »Im Sprachheilzentrum Ravensburg haben wir die Chance ergriffen und die Gestaltung des Schulhauses noch mal neu konzipiert.« Auch der Neubau der Leopoldschule in Altshausen erfolgte bereits 2012 unter modernsten pädagogischen Gesichtspunkten: Das Konzept eines jahrgangs- und bildungsgangsübergreifenden selbstorganisierten Lernens spiegelt sich hier in der Architektur des bunt, offen und kreativ gestalteten Schulbaus wider. Ursula Belli-Schillinger ist das Zusammenspiel von Pädagogik und baulichen Rahmenbedingungen wichtig: »Wir wollen, dass zukunftsfähige Gebäude entstehen, in denen die Kinder auch morgen noch lernen können und in denen sie sich wohlfühlen.«

Wohlfühlen – das tut sich auch der 10-jährige Leon aus dem Martinshaus Kleintobel, wenn er in der neuen Holzhütte auf dem Pausenhofgelände relaxt und die Sonne genießt. Rund 40 Schrauben hat er mit dem Akku-Schrauber ins Holz gedreht und 20 Löcher gebohrt. Entstanden ist dieser Rückzugsraum im zweiten Bauabschnitt des Beteiligungsprojekts »Gemeinsam bauen für alle«. Rund 40 junge Menschen, die wegen Problemen in der Schule oder zu Hause im Martinshaus sind, haben gemeinsam mit Erziehern, Lehrern, Eltern und Nachbarn ihren Pausen- und Freizeitbereich attraktiver gemacht. In diesem langfristig angelegten Projekt, das durch Spenden finanziert und von der Firma Kukuk professionell begleitet wird, geht es allerdings noch um viel mehr: »Gemeinsam etwas zu entwickeln, die Wünsche und Ideen der Kinder ernst zu nehmen, sie aber auch in die Verantwortung für das Gelingen zu nehmen – das alles sind verschiedene Ebenen, die hier auf einfache, aber geniale Weise miteinander verbunden werden«, sagt Jonathan Hörster, Geschäftsführer in der Jugendhilfe der Zieglerschen. Für die Entwicklung der Kinder im Martinshaus ist wichtig, dass sie sich als selbstwirksam erleben, weiß Konrektor und Projektleiter Daniel Murr: »Wir haben Kinder, die vielfältige negative Erfahrungen gemacht haben und die durch das Projekt auch wieder stolz auf sich sein können, wenn sie täglich an der Hütte vorbeilaufen und ihr Werk sehen.« Und Leon erzählt: »Das Projekt ist halt auch ein bisschen Ablenkung von den normalen Sachen, die man in der Schule macht. Dadurch sind auch die Schulstunden schöner.«

Vom großen Dezentralisierungsprozess in der Behindertenhilfe bis zum Beteiligungsprojekt für Jugendliche – die Verknüpfung zwischen Fachkonzepten und Bauprojekten in den Zieglerschen sind zahlreich. Bleibt nun allen Beteiligten zu wünschen, dass er gelingt – der tapeten-große Masterplan.

Autorin: Katharina Stohr