»Man kann es schaffen«

Tobias, 24, lächelt leise vor sich hin, als er über sein Leben nachdenkt. Als Dreijähriger kam er ins Sprachheilzentrum Ravensburg, besuchte dort den Frühförderbereich, später die Schule. Er lernte, seine Sprache zu verbessern und selbstständig zu lernen. Er lernte Selbstbewusst zu werden. Heute ist Tobias Mechaniker in einem Maschinenbauunternehmen und sagt: »Ich habe meine Ziele erreicht«.

Ein Porträt.
■ Tobias lehnt entspannt im Stuhl und lächelt leise vor sich hin, als er über sein bisheriges Leben nachdenkt. Er mag‘s gerne ruhig – das ist ihm lieber als überfüllte Veranstaltungen oder Arbeitsplätze mit extrem hohem Geräuschpegel. Die einzige Ausnahme macht Tobias bei Joy, die fremde Besucher erst mal laut ankläfft. Denn eines ist klar: Sie ist Hundechefin im Haus und würde ihr 24-jähriges Herrchen verteidigen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Tobias hingegen kann sehr gut selbst für sich sprechen und sich selbst wehren. Das war nicht immer so. Vor über 20 Jahren, als gut Dreijähriger, schritt er an der Hand seiner Mutter Walburga zur Frühförderung für sprachauffällige Kinder im Sprachheilzentrum Ravensburg. »Außer Mama, Papa, Auto und Bagger konnte Tobias damals keine verständlichen Worte sprechen«, sagt Walburga Skorupinski. Mit diesem Schritt begann ein langer Weg für die ganze Familie.

Über ein Jahr lang besuchte Tobias zunächst wöchentlich den Frühförderbereich im Sprachheilzentrum, spielte zusammen mit drei anderen Kindern und wurde individuell von einer Sprachheilpädagogin begleitet. »Kinder wie er müssen andere Wege einschlagen, um Dinge wahrzunehmen«, sagt seine Mutter und erklärt, dass bei einem sprachauffälligen Kind zuerst einmal dessen Sinne geweckt und bereichert werden müssen. Gegenstände anfassen oder schaukeln, während die Lehrerin einen Reim oder ein Lied mit dem Wort Schaukel anstimme, könne dabei helfen. »Beim Schaukeln wurde mit den Kindern damals zum Beispiel der Doppellaut ›au‹ aus dem Wort Schaukel wiederholt«, sagt Walburga.

Tobias kann sich heute nicht mehr daran erinnern. Aus der Zeit im Sprachheilkindergarten des Sprachheilzentrums, die anschließend zwei Jahre lang folgte, fallen ihm jedoch viele Freunde ein. Zu manchen hat er heute noch Kontakt. »Über facebook.« Gemein hat er mit den meisten dieser Freunde, dass er im Alter von vier Jahren die Sprache zwar verstand und eine Vase zeigen konnte, wenn er nach einer Vase gefragt wurde. In seinem Innersten konnte er jedoch die Worte nicht entsprechend abrufen, um sie auch aussprechen zu können. Das hieß für ihn, im harten und schweißtreibenden Training Worte und deren Aussprache zu lernen. Was zu diesem Lernen gehört, beschreibt Mutter Walburga: »Wo muss die Zunge beim Sprechen liegen oder wie muss die Mundstellung sein?«

Sie findet, dass ihr Sohn immer sehr viel an sich gearbeitet und trainiert hat, um seine Sprache zu verbessern. Für den Besuch einer allgemeinen Grundschule reichte das Sprachvermögen jedoch noch nicht aus, weswegen Tobias die Grundschule im Sprachheilzentrum Ravensburg besuchte. »Mathe hat mir immer total viel Spaß gemacht«, sagt er. Als er in der Schule einzelne Buchstaben verstehen lernte und daraus Worte basteln und innerlich als Wort-Bilder verknüpfen konnte, ging es auch mit der Sprachentwicklung vorwärts. »Ich habe immer die Buchstaben auf dem Vorlagepapier mit dem Stift nachgezogen«, erinnert er sich. Der speziell auf ihn abgestimmte Unterricht im Sprachheilzentrum mit den kleinen Klassen bis zu 12 Schülern hat ihm gut gefallen und geholfen. Für Skorupinskis lag es daher auf der Hand, dass Tobias auch die Klassen 5 und 6 der Hauptschule im Sprachheilzentrum Ravensburg besuchte.

Dass er dabei stets selbstmotiviert gelernt hat, ist ihm beim Wechsel in der siebten Klasse in eine allgemeine Hauptschule zum Vorteil geworden. »Ich war dort auf mich selbst angewiesen«, sagt er, »die Lehrer haben erwartet, dass ich selber schaue, ob ich mitkomme«. So hat er daheim stundenlang Diktate geübt und gebüffelt. Mit Erfolg: Nach drei Jahren hatte er den Hauptschulabschluss in der Tasche. »Gehänselt wurde ich wegen meiner Sprache während der ganzen Jahre nie«, sagt Tobias. Im Gegenteil – er habe immer sehr schnell Freunde gefunden. Und außerdem hat er gelernt, für sich einzustehen und seine Interessen verbal zu verteidigen.

Keine Selbstverständlichkeit für Kinder mit diesen Problemlagen, findet Mutter Walburga, die in ihren Beruf als Erzieherin zurückkehrte, nachdem Tobias eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker begonnen hatte. Dass sie damals ausgerechnet in einem Sprachheilkindergarten zu arbeiten begann, hat nicht unwesentlich mit den Erfahrungen aus den Jahren davor zu tun. Ein Anliegen ist ihr dabei zur Herzenssache geworden: »Es ist ganz wichtig, das Selbstbewusstsein  sprachauffälliger Kinder zu stärken«, sagt sie. Das funktioniere nur, wenn die Eltern selbst stark seien und in der fachlichen Begleitung gestärkt würden. Denn nicht selten tauche die Frage bei betroffenen Eltern auf: »Was machen wir falsch und welche Möglichkeiten gibt es für uns?«

Einig sind sich Mutter und Sohn, dass die ganze Familie auf ihrem Weg immer sehr viel Glück gehabt hat und dass sie oft auf Menschen trafen, die sie in ihren Anliegen unterstützten. Heute arbeitet Tobias als Mechaniker in einem Maschinenbauunternehmen. »Ich habe meine Ziele erreicht«, sagt er und streichelt Joy, die Löwchen-Hündin, die mittlerweile auf seinen Schoss gehüpft ist und weit ihr Maul aufreißt und gähnt. »Wer in einer solchen Lage ist, wie ich es war, soll Hilfe suchen und Hilfe annehmen. Man kann es schaffen!«

Von Katharina Stohr