Felsmassive, Trampelpfade und Dornen

Salih* ist achtzehn, Kemo* ist siebzehn. Salih kommt aus dem Irak, Kemo aus Gambia. In einem LKW wurde Salih nach Deutschland geschleust. 30 Menschen auf engstem Raum. Angstschweiss, Uringestank, Atemnot. Kemo flüchtete vor Verfolgung, Festnahme und Folterung nach Deutschland. Vor gut einem Jahr kamen Salih und Kemo nach Ravensburg. Ins betreute Jugendwohnen am Martinshaus Kleintobel. Ein Doppelporträt.
■ Salih ist scheu, in sich gekehrt. Randvoll mit psychosomatischen Beschwerden, auch ohne unmittelbare Kriegserlebnisse, und ob seiner Geschichte und der ungewissen Zukunft depressiv. Eine Schule hat er nie besucht, die arabische Sprache aus dem Koran erlernt. Auch Kemo ist scheu. Mit seinen Nöten und Ängsten geht er jedoch anders um. Er nimmt den Fluchtweg ins Außen: Kontakte, weggehen, Fußball spielen… Im Unterschied zu Salih, der zwei Monate vor ihm nach Ravensburg kam, sprach Kemo dank einer durchgängigen Schulbildung gut Englisch. Deutsch konnten sie beide kaum, als sie im Sommer 2008 ins Martinshaus kamen. Herausfordernd für die Sozialpädagogen, denen doch in der Regel nur die Sprache als »Handwerkszeug« zur Verfügung steht.

Salih und Kemo, viele Unterschiede – und doch eine verblüffend hohe Anzahl von Gemeinsamkeiten: Beide waren illegal nach Deutschland eingereist und kamen zunächst in die zentrale Aufnahmegruppe für junge Migranten in Karlsruhe. Dort wohnten sie zusammen in einem Zimmer und lernten gemeinsam die ersten Brocken Deutsch oder unternahmen zusammen die ersten Schwimmversuche in ihrem Leben in einem Hallenbad. Als beide dem Landkreis Ravensburg zugewiesen wurden, gelang es, sie Zimmer an Zimmer in einer Studenten-WG in der Ravensburger Innenstadt unterzubringen. Ebenso erfolgreich war das Ziel, sie auf die gleiche Schule, ein Berufsvorbereitungsjahr mit dem Schwerpunkt Deutschkenntnisse erlernen, zu schicken. Beide sind sehr motiviert, fleißig, zuverlässig und sprechen inzwischen so gut Deutsch, dass der Hauptschulabschluss möglich sein wird.

Sowohl Salih als auch Kemo verfügen über ein hohes Maß an Lebenstüchtigkeit und Selbstständigkeit, bei ihrer Geschichte wenig verwunderlich. Für beide ist es gleichermaßen notwendig, ihre traumatischen Erlebnisse in einer psychologischen Ambulanz für Flüchtlinge aufzuarbeiten.

Und dann gibt es noch etwas geradezu identisches – das ist ihr Weg durch die deutsche Gesetzgebung und Bürokratie. Massiver Fels, festgetrampelte Einbahnstraßen, schmerzhafte Dornen. Die Felsmassive, das ist das Asylverfahren. Asyl beantragt, Asyl abgelehnt, Widerspruch eingelegt, warten auf die Verhandlung. Geduld. Vielleicht bald, vielleicht in ein paar Jahren, Geduld. Das Warten zermürbt, Kopfschmerzen, weil sich die kreisenden Gedanken im Gehirn festbohren, aus anfänglichem Heimweh wird ein tiefgehender Heimatschmerz. Ein deutscher Winter macht auch uns Deutsche depressiv. Kommt man aus dem Irak oder Gambia, dann geht der gefrorene Grauschleier noch tiefer unter die Hautschichten. Geduld.

Die Trampelpfade, das sind die verschlungenen Wege durch die deutsche Gesetzgebung und Bürokratie. In jeweils drei Monaten darf der Landkreis nur maximal 7 Tage verlassen werden. Natürlich nur auf Antrag und gegen Bezahlung. Spontan ausgehen, wie das Jugendliche eben gern so machen? Mission impossible. Mit Antrag bei der Ausländerbehörde kann ein in Deutschland geduldeter Migrant frühestens nach einem Jahr Aufenthalt eine Arbeitserlaubnis erhalten. Lobenswerterweise hat sich Salih selbst einen Minijob beschafft. Den muss er der Ausländerbehörde melden, die ihn an die Agentur für Arbeit weiterleitet, die wiederum diesen Job an alle Bewerber mit gültigen Aufenthaltserlaubnissen ausschreibt. Klasse. Für Salih ist der Job jedenfalls weg.

Die Dornen, das ist die Geschichte mit der Jugendhilfe. Während das schwebende Asylverfahren keine Integration will, arbeitet die Jugendhilfe daran. Salih und Kemo sollen Deutsch lernen, in die Schule und in den Sportverein gehen, Kontakte knüpfen, psychologisch begleitet werden, das deutsche Gesetz und den sachgerechten Umgang mit Ämtern und Behörden kennenlernen...

Aber eben nur, bis sie volljährig sind. Dann ist von Ausnahmen abgesehen Schluss mit Jugendhilfe. Die Rechtslage im Landkreis Ravensburg sieht momentan vor, dass junge Migranten nach Ablauf der Jugendhilfe in die Asylunterkunft müssen. Aha, bis zum 18. Geburtstag gute persönliche und integrative Fortschritte Richtung Zukunft mit Hilfe des Jugendamtes, ab dem Tag der Volljährigkeit irgendgrative Rückschritte Richtung Vergangenheit im Asylantenheim? Ja, natürlich, 4 Personen auf 12qm, sterben werden sie nicht daran, die Salihs und Kemos. Sagen die Leute. Höchstwahrscheinlich haben sie Recht. Aber hier ist doch das eine System (das schwebende Asylverfahren) das Damoklesschwert für das andere System (die Jugendhilfe), und dann stimmt doch irgendetwas nicht mit der Rechtssprechung. Außerdem: Im BJW des Martinshauses werden auch 19- oder 20-Jährige betreut. Nur Migranten offensichtlich nicht. Ein Prinzip der Gleichbehandlung?

Salih und Kemo nehmen sich an der Hand und gehen viele Schritte gemeinsam. Zu zweit ist man stabiler und stärker. Unumgänglich, wenn man durch eine Gesetzeslage muss, die das Fallen irgendwie mit eingebaut hat. »Sansaké Mazen« – viel Glück, Salih; »your jamheburma« – viel Glück, Kemo. Vielleicht kommen noch ein paar Hände zum Auffangen dazu.

*Namen zum Schutz der Betroffenen geändert

von Markus Fritsche