»Ich kann bis heute kein Schwäbisch«

Das Tübinger Karolinenstift ist ein besonderes Haus. In diesem Seniorenzentrum der Zieglerschen spiegelt sich das geistige Leben der Universitätsstadt wie in einem Brennglas. So kann es passieren, dass beim Frühstück zwei emeritierte Professoren ein philosophisches Phänomen diskutieren. Oder abends eine passionierte Pianistin auf dem hauseigenen Klavier spielt. Direkt neben dem »Karo« liegen 34 betreute Wohnungen. In einer lebt eine bekannte Persönlichkeit: Dr. Inge Jens, Autorin, Wissenschaftlerin und Witwe des Rhetorikprofessors Walter Jens. Ein Porträt.
Den größten Teil ihres Lebens hat Inge Jens in Tübingen verbracht. »Ich kam mit Anfang 20 hierher«, sagt sie, mittlerweile 89 Jahre alt. Doch ihre Herkunft aus Hamburg kann die groß gewachsene Frau nicht verleugnen. Norddeutsche Nüchternheit und hanseatisches Understatement strahlt sie aus, der Tonfall lässt aufhorchen. »Ich kann bis heute kein Schwäbisch.« Und doch nennt Inge Jens Tübingen »meine Heimat«. Diese möchte die bekannte Literaturwissenschaftlerin, deren Bücher es häufig in die Bestsellerlisten schafften, auch im Alter nicht verlassen: »Hier habe ich meine Freunde.« Vor zweieinhalb Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, dem international bekannten Rhetorikprofessor Walter Jens, verkaufte sie das Acht-Zimmer-Haus auf dem Tübinger Apfelberg und zog in eine Drei-Zimmer-Wohnung des Betreuten Wohnens. Es liegt direkt neben dem Karolinenstift der Zieglerschen und wird von diesem mit betreut.

Ihre Wohnung mit kleinem Balkon hat sie mit Möbeln aus ihrem Haus eingerichtet, auch einen kleinen Teil ihrer Bibliothek nahm sie mit. Vom größten Teil aber musste sie sich trennen. »Das ging an ein Antiquariat hier in Tübingen.« Umzug und Abschied seien ihr nicht schwer gefallen, sagt Inge Jens. Froh sei sie über die neuen Hauseigentümer. »Eine Familie mit vier Kindern. Ich kann sie jederzeit besuchen.« Manchmal brächten sie ihr Blumen. »›Aus Ihrem Garten‹, sagen sie dann. Ich betone: ›Das ist nun Ihr Garten.‹«

Selbstverständlich hat auch die neue Wohnung ein Arbeitszimmer. Ein Computer steht darin, an dem die Wissenschaftlerin auch mit 89 Jahren noch arbeitet. Im März erschien ihr jüngstes Buch. »Langsames Entschwinden. Vom Leben mit einem Demenzkranken.« Briefe, die sie in den zehn Jahren der Erkrankung ihres Mannes an Freunde und Verwandte schrieb, sind darin zusammengefasst. Sie dokumentieren, was es bedeutet, wenn ein Mann, der einer der führenden Denker der Republik war, nach und nach alle kognitiven Fähigkeiten verliert. Zu einem Menschen wird, der sich nicht mehr artikulieren kann und nur noch im Augenblick lebt.

Bekannt war Inge Jens schon länger – als Autorin, Publizistin und als Ehefrau des berühmten Walter Jens. Doch richtig populär wurde Inge Jens mit der Demenzerkrankung ihres Mannes, über die sie offen sprach. Ihre Arbeit hielt sie während der langen Krankheitsphase über Wasser – auch finanziell. »Die Betreuung eines Demenzkranken ist teuer. Dafür reicht selbst die üppige Professorenpension nicht aus.«

Die gemeinsame intellektuelle Arbeit hat das Ehepaar fast sechs Jahrzehnte verbunden. Gemeinsam hat es mehrere Bücher verfasst: über die Geschichte der Universität Tübingen, vor allem aber über die Literatenfamilie Mann. Es ist das Lebensthema der 89-Jährigen, an das sie eher zufällig geriet. Ende der 1950er Jahre sei der Verleger Günther Neske mit einem Bündel Briefe gekommen. »Es waren Briefe, die Thomas Mann an den Schriftsteller Ernst Bertram geschrieben hatte. Neske wollte sie herausgeben und bat meinen Mann, diese zu editieren.« Der aber hätte auf seine Frau verwiesen, damals bereits eine promovierte Literaturwissenschaftlerin, die für den Rundfunk arbeitete. »Ich wusste nicht so recht, was da auf mich zukommt, habe es aber angenommen und die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht«, erzählt Jens von den Anfängen. Der Briefband wurde ein großer Erfolg und öffnete die Tür für weitere Aufträge. Es folgten die fünf letzten Tagebücher von Thomas Mann oder auch die Aufzeichnungen und Briefe der Geschwister Scholl.

Die meiste Zeit ihrer aufwendigen Recherchen verbrachte Inge Jens in Archiven. Hinzu kamen Interviews mit Zeitzeugen. So lernte sie auch Katia Mann kennen, die Ehefrau von Thomas Mann. Zu deren Sohn, dem Historiker Golo Mann, hatte sie engen Kontakt. Inspiriert durch die intensive Beschäftigung mit der Familie Mann schrieb sie mit ihrem Mann eine Biografie über Katia Mann. »Das war damals völliges Neuland.« Später kam eine Biografie von Katias Mutter, Hedwig Pringsheim, hinzu. »Die interessanteste Person der Familie überhaupt«, sagt die Autorin.

Inge Jens ist es gelungen, sich schon früh ein eigenes Leben zu schaffen – mit anspruchsvoller Arbeit trotz der Erziehung zweier Söhne. Das war nicht selbstverständlich für Frauen ihrer Generation. Noch immer ist sie als Vortragsrednerin gefragt. Die Tage sind ausgefüllt und sie nimmt rege am Leben ihrer akademisch geprägten Heimatstadt teil. »Ich gehe ins Kino, die Universität mit ihrer Bibliothek ist nicht weit.« Freunde kämen zu Besuch. Den Alltag bewältigt die 89-Jährige allein, kauft ein, kocht sich täglich selbst.

Zufrieden wirkt Inge Jens. »Hier im Haus fühle ich mich wohl. Man lässt mich machen, was ich will.« Nur die Kräfte ließen langsam nach. »Manchmal will ich zu einem interessanten Vortrag und dann verschlafe ich den Termin. Doch das verzeihe ich mir.« Und der Rückblick auf ihr Leben? »Ich habe unendlich viel Grund zur Dankbarkeit – trotz der Krankheit meines Mannes und trotz einigem anderen. Ich hatte ein reiches Leben an der Seite eines sehr interessanten Mannes, mit dem ich alles geteilt habe.«

Von Gerlinde Wicke-Naber