»Natürlich ist es auch mal blöd«

Claus und Simone Boie arbeiten als Pflegefachkräfte im Seniorenzentrum im Welvert in Villingen. Wie sie als Ehepaar und Eltern von zwei Kindern den Spagat zwischen Familie und Schichtdienst hinkriegen und wie das »Wunschbuch« ihnen dabei hilft, haben sie Jacqueline de Riese im Interview erzählt. Ein etwas anderes Porträt.
Herr Boie, ich stelle es mir schwierig vor, mit dem eigenen Partner im gleichen Unternehmen zu arbeiten. Wie funktioniert das bei Ihnen?
Diese Frage haben wir uns nie gestellt. Da wir ja zwei Kinder haben – Carolin, 7 und Sebastian, 9 – war von Anfang an klar, dass wir immer gegenschichtig arbeiten müssen, dass also immer einer von uns bei den Kindern ist. Anfangs haben wir uns mittags die Türklinke in die Hand gereicht, einer hatte Frühschicht, der andere Spätschicht. Abends haben wir uns dann wieder gesehen. Mittlerweile arbeiten wir auf getrennten Stationen und selten an gleichen Tagen. Trotzdem war und ist es auch immer lustig für uns, nach der beruflichen Übergabe noch kurz eine familiäre »Kinderübergabe« zu tätigen. Und da wir in einem sehr familienfreundlichen Haus arbeiten, sind öfter auch die Kinder dabei, die sich hier sehr wohl fühlen.

Reden Sie auch zu Hause über die Arbeit?
Generell versuchen wir, die Arbeit im Heim zu lassen. Auch die gesetzliche Schweigepflicht verbietet es uns, zu Hause über die Arbeit zu reden. Trotzdem bleibt es nicht aus, allerdings sehr, sehr selten.

Wie regeln Sie die Arbeitszeit? Wer hat bei Wünschen den familieninternen Vorrang?
Da wir beide Starrköpfe sind, kämpfen wir immer um den famillieninternen Vorrang bei Dienstplanwünschen…! :-) Aber Spaß beiseite, generell haben die Kinder bei uns Vorrang und da diese immer viele Termine haben – Fußballtraining, Geigenunterricht, Trachtentanzgruppe, Klavierunterricht, Turnverein,  Fasnachtverein – müssen wir immer schauen, dass alle machbar sind. So versuchen wir den Dienstplan danach anzupassen, indem wir die Termine im Wunschbuch markieren (Buch mit Mitarbeiterwünschen, die im Dienstplan berücksichtigt werden – d. Red.), was meistens auch funktioniert. Anschließend kommen noch unsere eigenen Termine, wie Arzt etc. Weiterhin sind wir alle sehr in der Villinger Fasnet integriert. Wenn das alles geregelt ist, genehmigen wir beide uns eventuell vielleicht mal irgendwann einen gemeinsamen freien Tag …

Wie lösen Sie das Problem der langen Schulferien? Splitten Sie Ihren Urlaub?
Haha, nein, unseren Urlaub würden wir niemals splitten, da wir immer so planen können, dass wir als Familie verreisen können. Zum Glück ist es bei uns im Pflegeheim möglich, da wir ja auf unterschiedlichen Stationen arbeiten. Zudem sind unsere Kinder zum Glück sehr selbstständig und meistens sogar noch weniger zu Hause als wir, da sie sich oft mit Freunden im Ort treffen, in Fußballcamps sind, Reiterferien machen oder ähnliches.

Was sagen die Kinder dazu, dass Mama und Papa nie gleichzeitig da sind?
Natürlich ist es für die Kids manchmal blöd und sie nörgeln auch mal, aber anders ist es heutzutage kaum lösbar! Mit zwei Kindern und dem Beruf des Altenpflegers, der meiner Meinung nach immer noch unterbezahlt ist, geht das kaum anders, da wir uns zum Ziel gesetzt haben, dass wir unseren Kindern eine gute Ausbildung und Events wie Fußballtraining etc. ermöglichen wollen. Daher MÜSSEN wir beide arbeiten gehen. Trotzdem kommen sie oft zur Arbeit mit und haben Spaß. Sie können sich im Heim frei bewegen und ab und zu helfen sie auch mal mit, zum Beispiel beim Tische eindecken. Die Bewohner freuen sich, wenn die Kinder im Haus sind. Zeit als Familie holen wir in den Ferien nach.

Haben Sie gleichzeitig im Seniorenzentrum angefangen?
Also ich habe im August 2015 hier angefangen, weil ich durch einen alten Freund von der Einrichtung erfahren habe. Meine Frau ist mir dann im Dezember gefolgt. Das ist übrigens unsere erste gemeinsame Stelle.

Was gefällt Ihnen am besten am »Familien-Arbeitsmodell«?
Spontan: Dass das Wort Familie wichtig geworden ist. Das heißt, dass es einem heutzutage doch ermöglicht wird, seinen Beruf voll auszufüllen und trotzdem die Familie nicht drunter leiden muss.

Wie lang arbeiten Sie im Pflegeberuf?
Das ist eine laaaaaange Geschichte: Simone begann ihre pflegerische Karriere mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem Pflegeheim in Heidelberg, hat dann in Heidelberg ihre Ausbildung gemacht und ist dem Beruf bis heute treu geblieben. Ich fing 1994 mit dem Zivildienst bei der Evangelischen Diakoniestation in Villingen an, lernte dort die Altenpflege kennen, machte dann die Ausbildung in Heidelberg und arbeite bis heute sehr gerne in diesem Beruf, der soviel beinhaltet und sehr erfahrungsreich ist, da man es mit Menschen zu tun hat und eigentlich täglich dazulernen kann!!! Letztendlich haben wir unser Herz in Heidelberg verloren …

Was ist sonst noch berichtenswert?
Oh, da gibt es noch vieles. Generell können wir beide sagen, dass wir gerne zur Arbeit kommen, da wir gelernt haben, dass HIER JEDER willkommen ist mit allen seinen Ecken und Kanten. Altenpflege ist kein leichter Job, aber einer der wertvollsten und schönsten, den wir uns vorstellen können!!! Wir können uns glücklich schätzen für das, was wir hier haben: tolle Kollegen, ein starkes Team und eine solide und verständnisvolle Leitung bei uns im Haus. Denn nur, wenn alle zusammen Hand in Hand arbeiten, funktioniert das alles. Von daher können wir einer glücklichen Zukunft entgegensehen … !!!

Von Jacqueline de Riese.