»Eine Stadt, die so etwas kann, ist zu beneiden«

Vier junge Besucher landen an einem kalten Wintertag in der evangelischen Stadtkirche Ravensburg. Es ist Vesperkirchenzeit. Was sie erleben, lässt sie nicht wieder los. Ein Gastbeitrag von Christoph Schäfer.
Unsere erste Nacht in Ravensburg: Wir lassen uns durch die Gassen treiben, als ausgerechnet der Soziologe im Team die nächste Kirche von innen sehen will. Haselbach hechtet die Treppe hinauf, wir hinterher – und tatsächlich: Die Kirche ist offen. Drinnen verweisen uns Mitarbeiter auf den nächsten Tag, heute seien wir zu spät, aber morgen könnten wir wiederkommen. Dann gäbe es wieder etwas zu essen, in der Vesperkirche.

Vesperkirche? Jedes Jahr verwandeln die Einwohner von Ravensburg oder Weingarten ein zentral gelegenes Gotteshaus in ein großes Restaurant für alle: Sie räumen die Kirchenbänke beiseite und ersetzen diese durch lange Esstische. Drei Wochen lang wird täglich gekocht. Für kleines Geld kann jeder gut essen – mehrgängig. Wer mehr Geld hat, zahlt mehr – freiwillig. Wer zu wenig hat, zahlt nichts – nachweislos. Alle sitzen und essen gemeinsam, die Atmosphäre ist informell, nicht religiös. Niemand muss mit anderen sprechen, aber die Situation regt dazu an, sich mit Fremden zu unterhalten. Dies ist keine Armenküche, sondern ein Fest des Gemeinsamen, des geteilten Genusses. Manche arbeiten in der Nähe, andere unterbrechen den Einkauf, wieder andere haben eine warme Mahlzeit oder Gesellschaft nötig, manche kommen aus Neugierde. Für drei Wochen, mitten im tiefsten Winter, hat die Stadt einen Treffpunkt: Ohne Konsumzwang können sich alle sehen und austauschen. Einige Hundert Besucher kommen täglich.

Anderntags gehen Margit und ich hinein: Kurzes Schlangestehen in kantinenartiger Sachlichkeit, das Kulturangebot haben wir verpasst (hin und wieder tritt jemand auf oder spielt Orgel), wir bekommen eine reichliche Portion Käsespätzle aufgetellert. Am Tisch sind wir gleich mit unseren Speisenachbarn im Gespräch: Zwei sind aus Langenargen angereist, haben von der Vesperkirche gehört – und kochen selber für die Mittellosen aus der Nachbarschaft. »Unsere Kinder sind aus dem Haus, wir haben Platz und machen das einmal die Woche in unserem Wohnzimmer.« Die Vesperkirche kann noch mehr: In der vielköpfigen Crew aus Helfern arbeiten afrikanische Refugees ganz selbstverständlich mit.

Die Tatsache, dass ein traditioneller, religiöser Raum verwandelt wird, steigert die Attraktivität des Ereignisses: Die Ordnung der Sitzreihen wird suspendiert, die Unterteilung in sprechenden Priester und passives Gemeindevolk wird aufgehoben. Aus säkularer Sicht wird auf diese Weise ein religiös geprägter, aber passiver Raum zu einem öffentlichen und aktiven Ort im Sinne von Hannah Arendts »public happiness«. Gleichzeitig legt die temporäre Vesperkirche christliche Qualitäten wieder frei, die im kirchlichen Alltag verschüttet sind – das gemeinsame Mahl, die Gemeinde, das Teilen, das gelebte Interesse am Mitmenschen. Plötzlich strahlen die alten Wände des gotischen Raums, die mich zeitlebens wegen ihrer Strenge immer abgestoßen haben, Wärme und Behaglichkeit aus. Wie schön das Licht in der großen Halle doch ist.

Die Vesperkirche ist eine tolle Idee: Sie schafft im Februar, wenn die sommerlichen Treffpunkte, die Plätze und Parks verwaisen, einen öffentlichen und beheizten Ort. Über das Öffentliche und Karitative hinaus, schaffen die Ravensburger ein utopisches Moment, eine Unterbrechung im Getriebe aus Arbeit und Shopping, eine festliche Erinnerung daran, dass ein besseres Gemeinsames möglich ist. Eine Stadtgesellschaft, die so etwas kann, ist stark, selbstbewusst – und zu beneiden.