»Etwas wie die Vesperkirche sollte es überall geben«

Eine Schirmherrin zum Anfassen: Gerlinde Kretschmann hat sich mit Wort und Tat für die Ravensburger Vesperkirche eingesetzt – Sie arbeitete einen Tag lang mit. Harald Dubyk hat ihr über die Schulter geschaut.
20 Tage hatte die Ravensburger Vesperkirche geöffnet. Bis 8. Februar gab es für die Gäste günstiges Essen, einen geheizten Kirchenraum und Gespräche – nicht selten gegen die Einsamkeit. Gleich am Eröffnungstag hatte sich die Schirmherrin der Ravensburger Vesperkirche angesagt: Gerlinde Kretschmann. Die Frau des baden-württembergischen Ministerpräsidenten meldete sich – fast überpünktlich – um 9 Uhr in der evangelischen Stadtkirche zum Arbeitseinsatz.

»Bin ich zu früh?« Per Bahn, ganz unscheinbar, ist sie an diesem Morgen von Sigmaringen über Aulendorf nach Ravensburg angereist. Jetzt ist sie da. Die Ehrenamtlichen, die schon in der Kirche sind und sich auf ihren Dienst vorbereiten, beäugen sie neugierig aus der Distanz. Gerlinde Kretschmann geht direkt und unkompliziert auf die Menschen zu, begrüßt sie fröhlich. »Was soll ich tun?«, fragt sie die Organisatoren. Die weisen ihr eine wichtige Aufgabe zu: Gabel und Messer in eine Papierserviette einrollen. Diese werden dann später den Gästen an der Essensausgabe in die Hand gedrückt.

An diesem ersten Tag der Ravensburger Vesperkirche 2015 kamen rund 500 Gäste. Im Laufe der folgenden drei Wochen steigerte sich diese Zahl. Insgesamt 13.450 waren es am Ende, rund 1.100 mehr als vor einem Jahr. Damit es für 1,50 Euro ein warmes Mittagessen, Getränke und eine Vespertüte zum Mitnehmen geben konnte, mussten die Organisatoren über 100.000 Euro Spenden sammeln. Das ist gelungen, auch dank der prominenten Schirmherrin Gerlinde Kretschmann.

Die Schirmherrin hat an diesem Tag viele Menschen kennengelernt, ihnen die Hände gereicht, ihre Nöte angehört. Dabei steht sie hinter der Getränketheke, reicht Nachtisch, räumt Geschirr ab. Die Gäste registrieren dies wohlwollend. Gerlinde Kretschmann weiß, dass sie hier auch als Landesmutter wahrgenommen wird. »Viele finden das toll, jemanden hier zu erleben, den man eigentlich nur aus den Medien kennt«, sagt sie. Sie geht mit dieser Rolle behutsam um. Vielen Gästen sieht man es an, dass sie finanziell bedürftig sind, einige am Rande der Gesellschaft um ihr Überleben kämpfen. Diesen Menschen möchte Gerlinde Kretschmann zuhören, auch wenn es immer wieder anstrengend ist, einen ganzen Tag lang auf ihr fremde Menschen zuzugehen. Man merkt es ihr jedoch kaum an. Gerlinde Kretschmann ist eine Schirmherrin zum Anfassen.

Die einzigartige Atmosphäre, die an diesem Tag in der evangelischen Stadtkirche herrscht, beeindruckt Gerlinde Kretschmann. Sie hat auch eine Erklärung dafür. »Ich glaube, dass sich die Menschen hier wohl und angenommen fühlen«, sagt sie. Auch wenn Hunderte von Menschen in der Kirche sind – Hektik kommt kaum auf. Selbst das Warten in der Schlange vor der Essensausgabe lassen die meisten geduldig über sich ergehen. Die Menschenschlange ist dabei so bunt wie die Gesellschaft: Alte Menschen, Männer, Frauen, Kinder, Studenten, Berufstätige. »Für mich persönlich war das heute ein runder Tag«, reflektiert Gerlinde Kretschmann ihren Einsatz. Die Vesperkirche sei in Ravensburg inzwischen in der Gesellschaft angekommen. Bereits zum siebten Mal hatte die Vesperkirche in Ravensburg und in der unmittelbar angrenzenden Nachbarstadt Weingarten ihre Pforten geöffnet. Jahr für Jahr werden es mehr Gäste: Bedürftige, aber auch Menschen, die durch ihren Besuch und ihre Spende die Vesperkirche unterstützen. »So etwas wie eine Vesperkirche sollte es überall geben«, sagt sie.

So unscheinbar wie sie am Morgen gekommen ist, verlässt Gerlinde Kretschmann an diesem Tag die Vesperkirche. Nach der Schlussandacht pressiert’s. Der Zug von Ravensburg über Aulendorf nach Sigmaringen zwingt sie zum pünktlichen Aufbruch. Ein Mitbringsel für ihren Mann hat sie in der Tasche: Ein süßes Stückle,  überreicht von einer ehrenamtlichen Helferin.

Beeindruckende Bilanz - die Ravensburger Vesperkirche 2015 in Zahlen

355 Ehrenamtliche,
so viele wie nie, trugen zum Gelingen der Vesperkirche bei. Sie leisteten insgesamt 6.257 Ehrenamtsstunden, rund 80 Helfer waren täglich im Einsatz.

13.450 Gäste

besuchten die Vesperkirche, das sind durchschnittlich 673 Gäste pro Tag. Gemessen an der Besucherzahl ist die Vesperkirche Ravensburg eine der größten in Baden-Württemberg.

15.200 Essen

aus der Küche des Körperbehindertenzentrums Oberschwaben (KBZO) wurden geliefert.

28 Arztstunden

zählte die Vesperkirche 2015. Vier Ärzte standen unentgeltlich zur Verfügung.

115.537 € Spenden

gingen für 2015 insgesamt ein. Damit konnte die Finanzierung der Vesperkirche erneut gesichert werden.

Herzlichen Dank an alle, die die Vesperkirche 2015 ermöglicht haben!