Du hast Talent! Warum wir Talente nicht vergleichen, sondern einsetzen sollen

Angedachtes von Pfarrer Gottfried Heinzmann*
Fußballclubs wollen verborgene Talente entdecken. Talentscouts sichten junge Spieler und sagen zu den Besten: Du hast das Zeug zum Profi! In Fernsehshows werden Menschen mit verborgenen Talenten ins Rampenlicht gestellt. Eine Jury bewertet die Auftritte und am Ende steht fest: Du bist das Supertalent! Soweit – so gut. Talente sollen gefördert werden. Doch mir stellt sich bei solchen Sichtungsprozessen immer die Frage: Was ist mit den anderen? Was ist mit denen, die durchs Raster fallen? Haben sie kein Talent?

Talente sind ungleich verteilt. Das wissen wir. Davon erzählt auch Jesus im Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25,14-30). Ein Gutsherr geht auf Reisen und vertraut den Dienern sein Vermögen an. Er wiegt die Silberstücke nach der damals üblichen Gewichtseinheit, dem Talanton, ab und verteilt sie. Der eine Diener erhält fünf Talente Silber, der andere zwei Talente und der dritte ein Talent. Ein Talent Silber, das waren immerhin 35 Kilogramm. Was mag in dem dritten Diener vorgegangen sein? Ich kann mir vorstellen, dass er frustriert war. Vermutlich konnte er sich gar nicht an dem freuen, was er bekommen hatte, weil er dauernd mit der Frage beschäftigt war: Warum bekommen die anderen mehr als ich?

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard sagte: »Alle Not kommt vom Vergleichen.« Diese Not entdecke ich in dem Gleichnis, das Jesus erzählt. Ich entdecke sie an vielen Stellen in unserer Gesellschaft. Wir vergleichen gerne. Sehr gerne. Deshalb haben die Talentshows so hohe Einschaltquoten. Diese Not entdecke ich auch in mir selbst. Ich vergleiche und merke nicht, welche Folgen das hat. Beim Vergleichen geht die Lebensfreude verloren. Ich werde unzufrieden. Weil ich nur auf die Talente der anderen schiele, verachte ich das, was Gott mir geschenkt hat. Die Not des Vergleichens führt am Ende dazu, dass ich Gott nicht mehr zutraue, dass er es gut mit mir meint. Mir ist Psalm 116 Vers 7 wichtig geworden: »Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes.« Gott tut MIR Gutes. Dieses Gute und die Talente, die Gott mir geschenkt hat, gilt es zu entdecken und einzusetzen. Ganz gleich, wie diese Talente im Vergleich zu anderen aussehen. Gott hat sie mir geschenkt mit der Aufforderung, sie für ihn und für andere einzusetzen.

Ich wünsche mir für die Zieglerschen, dass wir miteinander die Talente entdecken und fördern, die Gott in uns hineingelegt hat. Dass wir eine Atmosphäre schaffen, in der Talente wertfrei nebeneinander stehen können, weil wir wissen: Jeder Mensch ist von Gott geschaffen. Wertvoll. Einzigartig. Begabt.

* Gottfried Heinzmann ist ab Februar 2017 Fachlichtheologischer Vorstand der Zieglerschen