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Zur Musik meines Lebens tanzen

22.06.2017 | Von Anita Metzler-Mikuteit und Annette Scherer | Suchthilfe

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Dr. Klaus-Dieter Lehmann, der fast 30 Jahre an den Fachkliniken Ringgenhof und Höchsten tätig war, hielt beim Jahresfest der Suchthilfe in beiden stationären Einrichtungen der Zieglerschen den Festvortrag und begeisterte die Besucher. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit)

Für die ehemaligen und derzeitigen Patientinnen und Patienten der Fachkliniken Höchsten und Ringgenhof, die beide zur Suchthilfe der Zieglerschen gehören, ist der dritte Samstag im Juni Jahr für Jahr ein ganz besonderes Datum.

Dann nämlich sind sie alle eingeladen, in den jeweiligen Einrichtungen anlässlich der Jahresfeste gemeinsam zu feiern und einen Tag zu erleben, der geprägt ist von Gesprächen, vielfältigen Informationen und nicht zuletzt von großer Wiedersehensfreude. Eine wichtige Rolle spielen an dem Wochenende auch die Ehrungen ehemaliger Patienten für langjährige Abstinenz. „Viele von ihnen haben lange Anfahrtswege auf sich genommen“, sagte Dr. Christine Göhring-Premer bei der Begrüßung der Gäste im Foyer der Fachklinik Höchsten, „umso mehr freut es uns, dass sie alle gekommen sind“. Es sei jedes Mal eine Freude, zu erleben, „dass unsere Arbeit Früchte trägt“. „Es gibt keine größere Motivation für uns als diese Erfahrungen und ihre positiven Rückmeldungen“, so die Chefärztin an der Frauensuchtklinik der Zieglerschen.

„Es ist schon etwas Besonderes für uns, wenn mehrere hundert ehemalige Patienten und deren Angehörige aus den unterschiedlichen Therapie-Jahrgängen jedes Jahr an den Ort ihrer „Umkehr“ in ein gesundes Leben zurückkommen - darunter Patienten mit bis zu 50-jähriger Erfahrung in einem suchtfreien, abstinenten Leben“, erklärte Thomas Greitzke, Therapeutischer Leiter an der Fachklinik Ringgenhof für suchtkranke Männer. Dass die Arbeit der Förderkreise der Suchthilfe der Zieglerschen unverzichtbar ist, verdeutlichten die Beiträge von Sabine Lorber, der zweiten Vorsitzenden des Förderkreises aus Bad Saulgau und von Jürgen Ziegele, dem ersten Vorsitzenden aus Wilhelmsdorf. Beide erinnerten an die unzähligen Projekte, die die beiden Vereine bislang erfolgreich umgesetzt haben.

Der Festvortrag von Dr. Klaus-Dieter Lehmann darf als ein Höhepunkt des Tages bezeichnet werden. „Der Tanz der Abstinenz“ - schon der Titel ließ erahnen, dass es im Verlauf nicht wenige neue Denkanstöße geben würde. Der Referent, der in wenigen Wochen in den Ruhestand gehen wird und davor fast 30 Jahre an den Fachkliniken Ringgenhof und Höchsten tätig war, ließ auch Privates mit einfließen, erzählte von seinem „Schoko-Süchtle“, aber auch davon, dass es in seiner Herkunftsfamilie Suchterkrankungen gab. „Vielleicht bin ich auch deswegen hier gelandet“, so Dr. Lehmann, der keinen Hehl daraus machte, dass er das Wort „Abstinenz“ nicht sonderlich mag. Vor allem deshalb, weil es so negativ belegt ist. Deshalb müsse es „entstaubt und aufpoliert werden“. Er ist davon überzeugt, dass es nicht genügt, sich von den Suchtmitteln fernzuhalten. Dann packte er eine kleine Handwaage aus und verdeutlichte damit symbolisch die möglicherweise entstehenden Ambivalenzen. „Ich kann Kompromisse schließen und statt harter Drogen Kräutermischungen nehmen“, fuhr er fort, „aber das funktioniert nicht, ich brauche eine klare Haltung“. Was wiederum zu der Frage führt, was auf die Waage gelegt werden muss, um zu einer klaren Entscheidung zu kommen. Mit der Abstinenz sei es wie mit der Ehe. Man könne sich nicht auf eine „dauernde Verliebtheit verlassen“. „Wenn ich nicht am Hochzeitstag anfange, an der Beziehung zu arbeiten, dann schaffe ich es nicht“, so Dr. Lehmann. Es brauche „Leidenschaft und Präsenz“, um die Abstinenz so zu lieben wie die Sucht. „Es braucht also etwas ganz Großes, Wichtiges und Wertvolles, um die Sucht abfallen zu lassen wie ein vertrocknetes Blatt“. Auch die Rolle des in einer erfolgreichen Therapie zu neuem Leben erwachten inneren Kindes wurde thematisiert. Er verglich die Sucht mit einer „eifersüchtigen Geliebten, die mich fest umklammert“. Und entwarf das befreiende Gegenmodell, das auch im Vortragstitel Eingang fand. „Wie wäre es, eine andere Bewegung auszuprobieren?“, so der Oberarzt. Will heißen: statt in der engen Umklammerung der Sucht zu verharren, im ureigensten Rhythmus zur eigenen Musik und ganz bei sich selbst zu tanzen! Tanzen mit Gott, mit anderen Menschen, mit der Natur, Tanzen zur Musik meines Lebens, statt zielbewusst zu greifen und zu klammern. „Die entscheidenden Dinge im Leben kosten nichts“, sagte der Referent und erhielt abschließend lange Beifall.

Anschließend genossen die Besucher das gemeinsame Essen, interessante und vielfältige Mittagsangebote, die Gottesdienste und den zwanglosen gemütlichen Austausch.

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