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Abstinenzorientierte Therapie oder kontrolliertes Trinken?

26.10.2015 | Von Anita Metzler-Mikuteit | Altenhilfe

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Dr. Roland Wölfle, Dr. Annett Höse, Dr. Nadine Kranz und Dr. Herbert Leherr (v.l.) diskutierten anlässlich des 110-jährigen Jubiläums der Suchthilfe der Zieglerschen auf dem Podium. / Foto: Anita Metzler-Mikuteit

Nicht nur aus Deutschland, auch aus dem benachbarten Ausland sind Experten der Suchtkrankenbehandlung ins Stadthaus nach Ulm gekommen. Anlass war das 110-jährige Jubiläum der Suchthilfe der Zieglerschen mit Stammsitz in Wilhelmsdorf im Landkreis Ravensburg. Das diakonische Unternehmen mit einem breiten Angebot sozialer Dienstleistungen in verschiedenen Hilfegebieten ist auch größter Träger stationärer Suchthilfeeinrichtungen in Württemberg und unterhält seit rund 10 Jahren im Suchttherapiezentrum in der Wilhelmstraße in Ulm sowie in der Zwergerstraße in Ravensburg ganztägig ambulante Rehabilitationseinrichtungen für suchtmittelabhängige Frauen und Männer.

Zu Beginn machte Prof. Dr. Harald Rau auf die höchst prekäre finanzielle Situation der Suchthilfeeinrichtungen aufmerksam. "Das ist weiterhin ein unerträglicher Zustand", so der Vorstandsvorsitzende der Zieglerschen über die seit rund zehn Jahren notwendige "Quersubventionierung", weil sich der Bereich wirtschaftlich selber nicht trägt. Hubert Seiter, Erster Direktor der Deutschen Rentenversicherung, bestätigte die "Unterfinanzierung" und machte Mut, auf politischer Ebene, aber auch bei den Kirchen "Druck" zu machen.

"Wie hältst Du es mit dem Nüchternsein?", diese Frage stand im Mittelpunkt des Symposiums, zu dem rund 90 Gäste aus dem gesamten süddeutschen Raum angereist sind. Als Vertreterin der Stadt begrüßte Sozialbürgermeisterin Iris Mann die Gäste und thematisierte zu Beginn die steigende Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Alkohol- und Drogenproblemen. "Doch wir müssen uns auch mit den Ursachen beschäftigen", fuhr sie fort und nannte beispielhaft den hohen Leistungsdruck in Schule, Elternhaus und Gesellschaft. Nicht jeder könne und müsse auf Dauer eine "200%ige Leistungsfähigkeit" erbringen. Nachdenklich stimme ferner, dass es trotz des großen Wohlstandes in Deutschland ein immenses Unzufriedenheitspotential gebe.

Seit längerer Zeit wird unter Suchtexperten kontrovers darüber diskutiert, ob für eine erfolgreiche Behandlung von abhängigkeitskranken Menschen eine vollständige Abstinenz, also der lebenslange Verzicht auf Alkohol oder Drogen, den einzig erfolgreichen Behandlungsweg darstellt. Oder ob guten Gewissens auch ein kontrollierter Konsum als Therapieziel definiert werden kann. Professor Dr. Harald Rau machte gleich zu Anfang deutlich, dass er gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen weiterhin für eine abstinenzorientierte Therapie "kämpfen" wird. In der Schweiz sieht das offensichtlich anders aus. "In den 70er Jahren war ich absolut davon überzeugt, dass eine einzige Mon Cheri-Praline zu einem Rückfall führen muss", sagte Dr. Herbert Leherr. Inzwischen sieht das der leitende Arzt des Bereichs Abhängigkeitserkrankungen und Forensik der Psychiatrischen Dienste Thurgau anders. Abstinenz ist aus seiner Sicht lediglich für rund ein Drittel der Patienten der passende therapeutische Weg. "Andere können mit kontrolliertem Konsum oder mit einer Abstinenz für einen bestimmten Zeitraum durchaus ein zufriedenes Leben führen", erläuterte der Suchtmediziner die ABC-Regel (A steht für Abstinenz, B für (begrenzte Zeit abstinent und C für "kontrollierter Konsum").

Dr. Roland Wölfle, viele Jahre leitender Arzt der Therapiestation Lukasfeld am Krankenhaus Maria Ebene in Meiningen in Österreich, erinnerte in seinem Vortrag an die 50er Jahre, als Suchterkrankungen lediglich als "Willensschwäche", nicht jedoch als Krankheit angesehen wurden. Auch in Österreich findet unter den Suchtmedizinern eine intensive Auseinandersetzung mit der ABC-Regel statt, mit dem Konzept des kontrollierten Trinkens wird teilweise schon gearbeitet. In Liechtenstein mit seinen rund 37.000 Einwohnern ist bei der Behandlung von suchtkranken Menschen aufgrund fehlender Behandlungsangebote "Improvisation" gefragt. Ambulante Betreuung gebe es, so Dr. Nadine Kranz, Leiterin des Therapeutischen Dienstes im Amt für Soziale Dienste, lediglich beim niedergelassenen Psychiater oder beim Hausarzt. "Wir Zieglerschen halten nach wie vor an der abstinenzorientierten Arbeit fest", sagte Dr. Annett Höse, Chefärztin der Tagesrehabilitation Ulm. "Unsere PatientInnen sollen Gelegenheit haben, Nüchternheit und Un-Abhängigkeit zu erleben, um kompetent über ihr Leben mit einer chronischen Krankheit entscheiden zu können." Dem folgt wohl auch die Mehrzahl der Gäste, fast ausschließlich Therapeuten und Mediziner im Bereich Sucht.

Bei der Podiumsdiskussion meldeten sich auch betroffene Besucher zu Wort. "Diese Diskussion beunruhigt mich, macht das alles nicht Lust, wieder mit dem Trinken anzufangen?", sagte ein Gast. "Er wolle keinen dazu überreden", antwortete Dr. Leherr. In seiner langjährigen Tätigkeit habe er jedoch festgestellt, dass man für die unterschiedlichen Problemlagen der Klienten im Umgang mit Alkohol oder Drogen differenzierte Behandlungsangebote vorhalten müsse.

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