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„Wir müssen weg von Zuständigkeiten, hin zu Verantwortlichkeiten!“

16.11.2016 | Von Sarah Benkißer | Die Zieglerschen

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Manfred Lucha MdL, Minister für Soziales und Integration von Baden-Württemberg, hielt die Festrede in der "Kirche am Weg". Rolf Baumann, kaufmännischer Vorstand der Zieglerschen, dankte Lucha für seinen Vortrag. / Foto: Sarah Benkißer (Die Zieglerschen)

In der "Kirche am Weg" in Wilhelmsdorf wurde das 100-jährige Jubiläum der Vereinsgründung der Zieglerschen gefeiert. Die Festrede hielt der baden-württembergische Minister für Soziales und Integration, Manfred Lucha. Dabei wurde nicht nur zurückgeschaut, sondern vor allem nach vorne: Die Frage nach der künftigen Bedeutung des Subsidiritätsprinzips in der sozialen Arbeit und nach der gesellschaftlichen Rolle von Politik und Trägern sozialer Dienstleistungen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung.

"Die Zieglerschen sind aus dem sozialen Engagement einzelner Menschen entstanden, die sich nicht mit den gesellschaftlichen Verhältnissen abfinden wollten", mit diesen Worten begrüßte Oberkirchenrat Werner Baur, Aufsichtsratsvorsitzender der Zieglerschen, die rund 70 geladenen Gäste beim Festakt in der "Kirche am Weg" der Suchtfachklinik Ringgenhof. „Heute wird unsere Arbeit vom Engagement vieler Menschen getragen,“ stellte Baur fest und spannte damit den Bogen auf, der die Veranstaltung prägte: Es wurde zum einen der Blick zurück geworfen in die fast 180-jährige Geschichte der diakonischen Arbeit der Zieglerschen, die vor genau 100 Jahren von der „Privatanstalt“ der Familie Ziegler in einen gemeinnützigen Verein überführt wurde. Zum anderen nahmen die Festredner, der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha und der Vorstand der Zieglerschen, Rolf Baumann, die aktuelle Sozialpolitik und die Rolle von Politik und freigemeinnützigen Trägern als gesellschaftliche Akteure in den Fokus.

Rolf Baumann, kaufmännischer Vorstand der Zieglerschen, hielt ein eindrückliches Plädoyer für das Subsidiaritätsprinzip in der sozialen Arbeit. Dass diese nur dann direkt vom Staat erbracht wird, wenn Einzelne, Gruppen oder freigemeinnützige Träger sie nicht aus eigener Kraft leisten könnten, sei ein wichtiges Kennzeichen einer demokratischen Gesellschaft. "Demokratie braucht Bürgerinnen und Bürger, die sich für soziale Belange engagieren", so Baumann. Das Prinzip der Subsidiarität ermögliche eine Vielfalt von fachlich und weltanschaulich unterschiedlich ausgerichteten Angeboten und Innovationen zum Wohle der Menschen mit Assistenzbedarf. "Trägervielfalt ist eine Voraussetzung, um das Wunsch- und Wahlrecht der Menschen, die Hilfe benötigen, auch mit Leben zu füllen", betonte er.

Rolf Baumann äußerte sich besorgt darüber, dass Überregulierung, Ideologisierung und Sparzwänge das Subsidiaritätsprinzip bedrohten, weil sie die Entfaltungsräume für privates oder bürgerschaftliches Engagement einengten. Als Beispiel nannte Baumann die neue Landespersonalverordnung. Einrichtungsleitungen stünden hier in der Gefahr, "kriminalisiert" zu werden: nach drei Ordnungswidrigkeiten, z.B. wegen Nichteinhaltung einer bestimmten Personalbesetzung, verlören sie ihre Eignung, in dieser Funktion tätig zu sein. Vergleichbare Bestrafungen für nicht vollständig vermeidbare Fehler gebe es in keinem anderen Bereich. "Stellen Sie sich einmal vor, ein Handwerker müsste nach drei Mängeln seinen Meisterbrief abgeben", verdeutliche Rolf Baumann die Problematik.

Sozialminister Manfred Lucha bekräftigte in seiner Festrede, dass man im Spannungsfeld zwischen zu viel Kontrolle und zu gutmütigem Vertrauen im Verhältnis zwischen Politik und Leistungserbringern einen Mittelweg finden müsse. Die Partnerschaft, die sich im klassischen sozialwirtschaftlichen "Dreiecksverhältnis" zwischen den Menschen mit Unterstützungsbedarf, der Politik und den Trägern sozialer Dienstleistungen ausdrücke, sei das, was man auch in Zukunft anstreben solle. "Wir müssen weg von Zuständigkeiten, hin zu Verantwortlichkeiten", mahnte Lucha und ergänzte, dass weder die Politik, noch Träger sozialer Einrichtungen einen Selbstzweck hätten. "Subsidiarität ist kein Selbstzweck, sie ist Mittel zum Zweck", so Lucha weiter. Gerade vor dem Hintergrund des stärker werdenden Rechtspopulismus sei es wichtig, die Bürger als Anwälte in eigener Sache mit ihren Problemen ernst zu nehmen und in gemeinsamer Verantwortung an Lösungen zu arbeiten. "Es geht nicht darum, wer Recht hat. Ich lade Sie ein: Lassen Sie uns das Land gemeinsam gestalten", betonte Manfred Lucha zum Abschluss seiner Rede. Zieglersche-Vorstand Rolf Baumann dankte ihm mit den Worten: "Das Angebot nehmen wir an!"

Die Historikerin Inga Bing-von Häfen vom Landeskirchlichen Archiv Stuttgart ordnete die Gründung des "Zieglersche Anstalten e.V." (heute: "Die Zieglerschen e.V.") in den historischen Kontext ein. Am 11. November 1916, mitten im ersten Weltkrieg, war die Satzung für den neuen Verein zu Protokoll gegeben worden. Damit wurde ein diakonisches Vermächtnis für die Zukunft gesichert: das von August Friedrich Oßwald, der 1837 in Wilhelmsdorf die Arbeit mit "Taubstummen" begonnen hatte, und von Johannes Ziegler, der diese Arbeit ab 1873 ausgebaut und um weitere Hilfefelder erweitert hatte. Im 19. Jahrhundert sei es durchaus üblich gewesen, so Bing- von Häfen, soziale Einrichtungen als Privatanstalten zu führen. Damit hingen diese jedoch gänzlich von der Person des jeweiligen Leiters ab. Die Überführung in den Verein, die der 1907 verstorbene Johannes Ziegler in seinem Testament verfügte, machte die "Anstalten" unabhängig von Einzelpersonen.

Prälatin Gabriele Wulz von der Evangelischen Landeskirche stellte in ihrer Andacht die Risikobereitschaft und das Engagement der Gründerväter in den Kontext des Gleichnisses vom Kaufmann, der für das Reich Gottes gleich einer kostbaren Perle all seinen sonstigen Besitz aufgibt. "Ich wünsche auch Ihnen, dass Sie das finden, wofür es sich lohnt, alles auf eine Karte zu setzen", gab sie den Anwesenden mit auf den Weg.

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