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Vesperkirche verpflegt 420 Menschen am Tag

29.02.2016 | Von Nicolai Kapitz, Schwäbische Zeitung, Ausgabe Ravensburg-Weingarten | Die Zieglerschen

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Es ist ein bezeichnendes Bild: Eine Szene, die sich am Mittwochmittag am Seiteneingang der evangelischen Stadtkirche in Weingarten abgespielt hat, könnte symbolisch für die gesamte Vesperkirche stehen. Ein Mann im Rollstuhl versucht mühsam, die Tür von außen zu öffnen. Als man ihn sieht, stürmen mindestens sieben Leute los und helfen ihm dabei. Die Vesperkirche ist ein Ort der Zusammenkunft, des Willkommens, eine „Heimat auf Zeit“, wie die Organisatoren sie nennen.

Auch an diesem Mittwoch ist sie wieder brechend voll, als die Ehrenamtlichen Helfer das Mittagessen – Schupfnudeln, Speck und Sauerkraut – auf die Teller schaufeln und austeilen. Die Schlange der Wartenden geht zeitweise über gut 20 Meter bis zur Eingangstür. Es sind diese Bilder, die unter den Organisatoren des Diakonischen Werks Ravensburg und der Zieglerschen eine große Zufriedenheit hervorrufen. „Wir sind sehr zufrieden", sagt Friedemann Manz. Der Geschäftsführer des Diakonischen Werks spricht von rund 420 Essen, die durchschnittlich pro Tag über die Theke gereicht werden. Hochgerechnet auf drei Wochen heißt das, dass rund 8000 Menschen in der Kirche gevespert haben werden, wenn die Aktion am 6. März zu Ende geht.

Dass alles reibungslos über die Bühne geht, ist der Verdienst der rund 300 ehrenamtlichen Helfer. 60 davon sind pro Tag im Einsatz und stemmen den Betrieb in zwei Schichten. Los geht es morgens um 9 Uhr. Dann werden die Tische gedeckt, Kaffee gekocht. Ab 10 Uhr kommen die ersten Gäste in die evangelische Stadtkirche. Schon um 11 Uhr ist dann aus dem Gotteshaus ein Treffpunkt geworden, im Kirchengebäude brummt und summt es, das Klappern von Geschirr erfüllt die ansonsten besinnliche Halle. Um 11.30 Uhr zückt die Küchenmannschaft dann die Schöpflöffel und verteilt das Mittagessen.

„Wertvolle Zeit für die Kirche"

Weingartens evangelischer Stadtpfarrer Stephan Günzler, hält ansonsten hier Gottesdienste. Nun begrüßt er lächelnd die Gäste zum Essen, eilt vom einen zum anderen, schüttelt Hände, unterhält sich. „Es ist eine sehr wertvolle Zeit für unsere Kirche", sagt der Pfarrer. „Es ist eine wunderbare und niederschwellige Möglichkeit für Gespräche und das Miteinander." Das könnten die Besucher sicher sofort so unterschreiben. Denn das Essen ist heiß, duftet und schmeckt ganz hervorragend und macht satt. Aber es ist eben nur einer von verschiedenen Gründen, in die Vesperkirche zu kommen. „Nicht nur Essen", sagt ein graubärtiger Mann, der lieber anonym bleiben will.

„Es ist auch Kennenlernen, nach einer Zeit ist es hier wie in einer Familie. Ich selbst war vor Kurzem noch auf der Straße. Das ist jetzt vorbei." Nebenan füttert eine Mutter ihr Baby. „Eine tolle Gelegenheit miteinander ins Gespräch zu kommen. Und wir sind eine Großfamilie, da lohnt es sich auch mit dem Essen", sagt sie. „Die Vesperkirche ist einfach gut. Man sollte so etwas öfters machen", sagt Martina Bühler dazu, die extra aus Ehingen im Alb-Donau-Kreis nach Weingarten gekommen ist. So sehen es vielleicht auch die beiden prominenten Gäste, die an einem Tisch ganz am Rand das Mittagessen genießen. Die Rathauschefs von Weingarten und Ravensburg, Markus Ewald und Daniel Rapp, sind zu einem Besuch hier. Zwischen den beiden Städten wechselt die Vesperkirche jährlich hin und her. Weingartens Oberbürgermeister hat sogar am Tag zuvor noch selbst den Schöpflöffel geschwungen und Mittagessen ausgegeben. „Eine tolle Atmosphäre, man spürt einen guten Geist, wenn man hier hereinkommt", sagt Daniel Rapp. „Es kommen viele verschiedene Menschen hierher", sagt Markus Ewald. „Menschen aus allen sozialen Gruppen. Darunter sind auch welche, die sich zum Beispiel einen Besuch im Restaurant nie gönnen würden. Es ist eine wundervolle Gelegenheit, mit allen ins Gespräch zu kommen. Und das wird hier gelebt."

Auch Friedemann Manz bestätigt das. „Wir haben einen guten Mix hier", sagt er. „Viele Bürger, viele Interessierte, aber auch viele Bedürftige." Etwa die Hälfte der Besucher, so schätzen die Organisatoren, sind tatsächlich sozial schwächere Menschen, für die die Vesperkirche tatsächlich das ist, was sich ihre Macher von ihr erhoffen: Sie ist eine Heimat auf Zeit.

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