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Veeh-Harfen bringen ungeahnte Talente zum Vorschein

02.11.2016 | Von Olga Homann / Sarah Benkißer | Behindertenhilfe

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Vanessa Strongou und Michael Wurst spielen seit einiger Zeit die "Veeh-Harfe". Ende September hatten sie ihren ersten Auftritt. / Foto: privat

Können Menschen mit einer Hör-Sprachbehinderung und einer geistigen Behinderung etwas mit Musik anfangen? Oder können sie gar selbst ein Instrument erlernen? Olga Homann ist Musiklehrerin, Heilerziehungspflegerin und Fachkraft für Musiktherapie. Sie arbeitet im Förderbereich der Zieglerschen mit geistig und mehrfach behinderten Menschen. Dank einer Spende von Adelheid Specker-Baier konnte der Bereich zwei sogenannte „Veeh-Harfen“ anschaffen – ein Saitenzupfinstrument, das ohne Notenkenntnisse gespielt werden kann. Diese Harfen bewirkten Erstaunliches und brachten vor allem in Vanessa Strongou und Michael Wurst ungeahnte Talente zum Vorschein, wie Olga Homann berichtet.

"'Musik - bei deinen Zauberklängen erscheint uns Sprache arm und kalt' – die Bestätigung dieses Zitates von Thomas Morus erleben wir zurzeit hautnah bei uns im Förderbereich der Zieglerschen. Im Förderbereich erscheint uns Sprache tatsächlich oft arm und kalt, weil Kommunikation in unserer „normalen“ Sprache nur wenigen unserer Klienten möglich ist. Aber die wunderbare Kraft der Musik dürfen wir jeden Tag erleben. Vor drei Monaten konnte der Förderbereich mit Unterstützung einer Spende von Adelheid Specker-Baier zwei Veeh-Harfen kaufen. Dieses wundervolle Instrument mit seinem unwahrscheinlich beruhigenden und angenehmen Klang kann man sowohl in aktiver  Musiktherapie als auch in der rezeptiven Musiktherapie sehr wirkungsvoll einsetzen. Auch wenn unsere Klienten aufgrund ihrer Behinderung ihre Gefühle in der Regel nicht verbal ausdrücken können, so ist ihre Gefühlswelt dennoch nicht weniger reich. Liebe, Trauer, Wut oder Ängste beschäftigten Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen. E.T.A. Hoffmann hat einmal gesagt: 'Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.' Dies erfahren wir sehr eindrücklich, indem dort, wo viel unmöglich ist oder sinnlos erscheint, wo die Sprach-Kommunikation an ihre Grenzen stößt, wo Ängste herrschen und die Psyche belasten, die Musik zur Hilfe kommt. Dort können wir die Situation mit musiktherapeutischen Maßnahmen verbessern, dort setzen wir Musik ein und können damit viele Probleme lösen.

In mehreren Schritten haben wir uns auf diesen Weg gemacht. Die Veeh-Harfen haben wir zuerst bei uns im Gottesdienst zum Einstimmen eingesetzt: Jeder Teilnehmer durfte am Anfang des Gottesdienstes über die Saiten streichen. Dadurch konnte jeder aktiv das Geschehen mitgestalten und ganz nebenher haben die anderen den Klang der Veeh-Harfe in sich aufnehmen können. Der Klang der Veeh-Harfe hatte eine sehr beruhigende Wirkung auf die Klienten, sie wurden spürbar ruhiger und ausgeglichener. Danach haben wir probiert die Veeh-Harfe in unseren Alltag zu integrieren, indem wir z.B. einzelnen Klienten ihre Lieblingslieder oder Lieder, die sie noch von ihren Eltern kennen, auf der Veeh-Harfe vorspielen. So zum Beispiel bei Frau B.: Sie ist oft sehr ängstlich und innerlich unruhig. Wenn sie den Klang der Veeh-Harfe hört, wird sie immer ruhiger, hört auf zu zittern, sucht den Blickkontakt und sie streckt plötzlich vorsichtig ihre Hand aus, um die Saiten zu berühren. Wir können dann über die Töne und das Instrument miteinander kommunizieren. Solche Momente sind für mich sehr berührend. Denn hier baut die Harfe den Menschen, deren Kommunikation sehr eingeschränkt ist, eine Brücke der Verständigung. Mit Hilfe der Harfenklänge, mit Hilfe der Musik, können Menschen anfangen sich zu öffnen, die bisher sehr verschlossen wirkten, und wir bekommen eine neue Möglichkeit der Kommunikation mit ihnen.

Bei uns im Förderbereich werden Menschen mit geistigen und Mehrfachbehinderungen betreut. Viele unserer Klienten sind zudem psychisch beeinträchtigt. Und: Viele haben eine Hör-Sprachbehinderung. Nur wenige Teilnehmer im Förderbereich können sich verbal äußern. Ein Musikinstrument spielte bisher niemand von ihnen. Auch singen können nur wenige. Verständlicherweise kommt bei Außenstehenden die Frage auf, ob Menschen mit Hörbehinderung überhaupt etwas mit Musik anfangen können. Brauchen solche Menschen Musik? Sie hören ja nichts! Wir hingegen haben uns die Frage gestellt: Können einige von ihnen lernen, die Veeh-Harfe selbst zu spielen? Vanessa Strongou (28) und Michael Wurst (27), die unseren Förderbereich besuchen, überzeugten uns schnell, dass dies möglich ist. Auf meine Frage: 'Möchtest du Veeh-Harfe spielen lernen?' reagierte Vanessa sofort mit großer Begeisterung. Sie freute sich riesig und konnte es kaum erwarten, bis sie anfangen durfte. Der Anfang war nicht leicht für sie. Sie musste erst einmal lernen, dass die verschiedenen Kreise und Punkte, mit deren Hilfe die Melodien auf eigens für die Veeh-Harfe konstruierten Schablonen aufgezeichnet werden, unterschiedliche Bedeutungen haben. Auch das flüssige, geordnete Lesen der Punkte war für sie anfangs schwer. Immer wieder übersprang sie einen Punkt, also einen Ton. Aber sie war sehr fleißig und mit Freude, Geduld und Eifer hat sie es geschafft. Inzwischen kann Vanessa schon fünf Lieder sehr gut spielen und sie will unbedingt noch weitere Lieder lernen. Noch mehr erstaunte uns Michael Wurst, der zweite begeisterte Veeh-Harfenspieler bei uns im Förderbereich. Michael ist von Geburt an gehörlos und hat niemals irgendwelche Klänge gehört und nie selber ein melodisches Musikinstrument gespielt. Er zeigte aber großes Interesse an dem Harfenspiel. So wagten wir gemeinsam den Versuch und haben einen Weg gefunden. Michael ist sehr verantwortungsvoll dabei und freut sich ungemein über diese positive Erfahrung. Er entdeckt: 'Ich kann ein Instrument spielen, ich kann etwas!'

Am 25. September hatten unsere Veeh-Harfenspieler beim Angehörigentag der Zieglerschen ihr ersten öffentlichen Auftritt. Sie haben sich sehr darauf gefreut, waren aber natürlich zugleich sehr aufgeregt. Der Bürgersaal in Wilhelmsdorf war voll. Nach der Begrüßung ertönten die ersten vorsichtigen, leisen Harfenklänge. Es war ganz still im Saal, alle hörten konzentriert zu. Nach dem letzten Ton aber brandete der Applaus auf und brachte die Gesichter von Vanessa Strongou und Michael Wurst zum Strahlen: eine Freude, die ansteckte! Der ganze Applaus gehörte nur diesen beiden jungen Menschen – vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben.

Keine Frage, dass wir das Veeh-Harfen Projekt weiterführen wollen. In unserer Gruppe haben wir noch etliche Teilnehmer, die sich für die Veeh-Harfe interessieren. Ihnen wollen wir die Chance geben, dieses schöne Musikinstrument auszuprobieren und zu lernen, es zu spielen. Vanessa Strongou möchte auch gerne beim neu gegründeten Wilhelmsdorfer Veeh-Harfen-Orchester der Brüdergemeinde mitmachen und das probieren wir natürlich auch aus. Dann wird dank der Musik auch noch Inklusion möglich."

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