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Und wehe, man sagt: „Heute geht’s nicht zur Monique!“

13.02.2017 | Von Sarah Benkißer | Behindertenhilfe

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Die 11-jährige Angeline und ihre Mutter (links) freuen sich über die Unterstützung durch Tagesmutter Monique Forstreuter. / Foto: Sarah Benkißer (Die Zieglerschen)

Der familienunterstützende Dienst, den die Zieglerschen im Landkreis Sigmaringen organisieren, unterstützt Eltern von Kindern mit Behinderung im Alltag. Durch die Kooperation mit der Koordinierungsstelle für Tageseltern engagieren sich auch ausgebildete Kindertagespflegepersonen in dem familienunterstützenden Dienst, der vom Landkreis Sigmaringen und der Aktion Mensch gefördert wird. Die freiwilligen Mitarbeitenden arbeiten ehrenamtlich und sind sehr gefragt. Zum Beispiel bei Angeline Schwarz und ihrer Familie in Schwenningen bei Stetten am kalten Markt.

Zwei Mal die Woche kümmert sich Monique Forstreuter ehrenamtlich um Angeline. Die 11-Jährige hat eine geistige Behinderung und spricht nicht. In Kooperation mit der Koordinierungsstelle für Tageseltern suchte der familienunterstützende Dienst eine geeignete Tagesmutter in der Region. So kam Monique Forstreuter zu Familie Schwarz. Nun hält sie Angelines Mutter, die mit der Betreuung ihrer großen Tochter und deren beiden jüngeren Geschwistern stark gefordert ist, an zwei Nachmittagen die Woche den Rücken frei. "Ich bin schon mit sehr viel Skepsis an die Sache rangegangen, ob das denn das Richtige für mich ist. Aber die Arbeit mit Angeline macht richtig Spaß und man lernt wahnsinnig viel dazu", berichtet Monique Forstreuter, selbst Mutter einer Tochter und außerdem Tagesmutter von weiteren Kindern. Angeline ist darunter das einzige Kind mit einer Behinderung, für die Eltern der anderen Kinder sei das aber kein Problem, so Forstreuter. Angelines Mutter ist über die gemeinsame Betreuung ihrer Tochter mit nicht-behinderten Kindern dankbar: "Mein Wunsch wäre ja, dass sie noch Sprechen lernt, dass sie sich das von den anderen abschaut", sagt sie.

Angeline kommuniziert mithilfe von Gebärden, die sie in der Altshausener Außenklasse der Haslachmühle, einer Einrichtung der Zieglerschen für Menschen mit Behinderung, gelernt hat. An ihrer jetzigen Schule werden jedoch etwas andere Gebärden verwendet, das erschwert die Verständigung. Also benutzt Angeline einen "Talker", ein technisches Hilfsmittel, um ihre Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken. Oder sie versucht es mit Schreiben. Mit Monique Forstreuter versteht sie sich aber auch ohne viele Worte. Die Zeit, die sie bei ihr verbringt, tut ihr gut. Angelines Mutter erzählt: "Normalerweise gibt es bei uns vorm Schlafengehen Tränen, aber wenn sie von Frau Forstreuter kommt, ist das nie ein Problem. Aber wehe, man sagt: Heute geht’s nicht zur Monique!" Da packt Angeline dann schon mal der Zorn – und weil sie den eben nicht mit Worten ausdrücken kann, wird geschlagen und gespuckt. Wenn das Mädchen mit dem kurzen dunkelblonden Haar und den markanten Scheidezähnen aber im Sommer auf dem Spielplatz toben oder im Winter drinnen mit ihrem Schaukelpferd oder mit anderen Mensch-ärgere-dich-nicht spielen kann, ist Angeline ein fröhliches, aufgewecktes und sehr sympathisches Kind.

"Ein Familienleben mit einem Kind mit Behinderung kann eine extreme Herausforderung und für viele Eltern – zumindest zeitweise – auch eine Überforderung sein", berichtet Anja Beetz vom Büro für Ambulante Dienste der Zieglerschen in Bad Saulgau. Es sei kein Zeichen von Schwäche, wenn Eltern behinderter Kinder Hilfe im Alltag brauchten. "Ein Kind mit Behinderung fordert Eltern einfach ganz anders", so Beetz weiter. Wenn dann noch Geschwister da seien, die berechtigterweise auch Zuwendung und Aufmerksamkeit brauchten, und wenn die Anforderungen im Beruf ebenfalls dazukämen, könne ganz schnell die Grenze der Belastbarkeit überschritten sein. "Wir sind sehr dankbar, dass es Freiwillige wie Monique Forstreuter gibt, die diese Eltern in ihrem herausfordernden Alltag entlasten. Die Mitarbeit von ausgebildeten Tagesmüttern stellt eine Bereicherung für den Dienst dar", sagt Anja Beetz. Weitere Freiwillige seien stets willkommen. Diese erhalten von Anja Beetz fachliche Anleitung, Begleitung und Schulungen. Außerdem gibt es für die engagierten Helfer eine Aufwandsentschädigung, Fahrtkostenerstattung sowie eine Haftpflicht- und Unfallversicherung. Interessierte können sich melden bei:
Anja Beetz und Gabriele Blum vom Büro für Ambulante Dienste der Zieglerschen in Bad Saulgau,
Telefon: 07581 508 259-0,
Email: ambulante.dienste-bs(at)zieglersche.de.

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