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Sommerfrische und Nilkreuzfahrt

21.07.2016 | Von Gerlinde Wicke-Naber | Altenhilfe

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Vortrag von Dr. Inge Jens im Karolinenstift Tübingen

Über die Reisen der Thomas Mann-Ehefrau Katia hat die Tübinger Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Inge Jens am Mittwochnachmittag einen Vortrag im Tübinger Karolinenstift gehalten. Die 89-Jährige lebt seit zweieinhalb Jahren in einer Drei-Zimmer-Wohnung des Betreuten Wohnens, das in unmittelbarer Nachbarschaft des Karolinenstifts ist. Beide Einrichtungen gehören zum Träger „Die Zieglerschen“. Bewohner und Mitarbeiter des Stifts folgten der Einladung.

Die Literatenfamilie Mann  ist das Lebensthema der 89-Jährigen. Für den vergnüglichen Sommervortrag, den die Sozialbetreuerin Ulrike Chromik angeregt hatte,  wählte sie als Thema die Reisen. Deutlich wurde, dass Katia Mann eine privilegierte Frau gewesen ist, die  mehr gereist ist als die meisten Zeitgenossen. „Das Erforschen fremder  unbekannter Regionen war jedoch nicht das Interesse von Katia Mann. Sie wollte in abwechslungsreichen Familienferien Fremdes im vertrauten Kreis erlebbar machen.“, sagte Inge Jens.  
Lange Familienferien, die den Charakter einer Sommerfrische hatten, gehörten zum Jahresrhythmus. Schon als Kind verbrachte Katia Mann, geborene Pringsheim, die aus sehr wohlhabendem Hause stammte,  viele Wochen auf Usedom und bayrischen Bauernhöfen. 1905 heiratete die damals 21-Jährige den sieben Jahre älteren Thomas Mann. In Bad Tölz ließ sich die Familie eine Villa errichten und verbrachte dort die Sommermonate. Später zog es die Familie dann an die Ostsee an die Kurische Nehrung. Auch dort baute sie sich ein Sommerhaus. Nicht nur für die sechs Kinder wären das unvergessliche Wochen gewesen, sagte Inge Jens. Das Haus sei auch stets voll mit Gästen und Freunden gewesen. Auch große Feste hätten die Manns dort gefeiert.

Daneben habe es aber auch Reisen gegeben, die das Paar allein ohne Kinder unternahm. Auf zahlreichen Vortragstouren ihres Mannes lernte Katia Mann so Europa kennen Diese Reisen schätzte sie sehr, traf sie dabei doch stets viele interessante und berühmte Menschen. Bei diesen Reisen habe das Ehepaar „Wert auf exklusive Hotels in standesgemäßer Umgebung“ gelegt. Eine Reise führte das Paar sogar bis nach Ägypten, wo es eine Nilkreuzfahrt unternahm. Katia Mann war offenbar wenig beeindruckt von den Erlebnissen, was aber auch daran gelegen haben könnte, dass sie an einer Amöbenruhr erkrankte.  

Und dann habe es noch diverse Sanatoriumsaufenthalte von Katia Mann gegeben, berichtete Inge Jens, die für ihre Recherche tief in den Archiven gegraben hatte. Sie zitierte aus Briefen, die Thomas und Katia Mann geschrieben hatten. Auch Aussagen  der Kinder des Paares sowie von Freunden hat die Wissenschaftlerin ausgewertet. Nachdenklich stimmen die Briefe von Katia Mann, die sie aus den Sanatorien, die sie wegen eines Lungenleidens besuchte,  an ihren Mann sandte. Während der Kuren nutzte die Frau die Zeit zum Nachdenken.- auch über ihre Ehe, die, so Jens, „mit diesem selbstbezogenen Mann“ nicht einfach gewesen sei.  Doch „sie grollte nicht, machte keinen Eklat, sondern vertraute seiner Einsicht und seiner Liebe.“, sagte Jens. Die homoerotischen Neigungen ihres Mannes hätten  Katia Mann nicht irritiert. Im Gegenteil: „Sein Wohlbefinden war ihr wichtig. „ Sie stammte aus einer sehr aufgeklärten Familie. Auch ihr Bruder Klaus war homosexuell und brachte seine Freunde mit  nach Hause, was sehr ungewöhnlich war für diese Zeit.“, sagte Jens.

Viele Ferienerlebnisse der Familie finden sich in den Werken Thomas Manns wieder, so beispielsweise die Erlebnisse einer Venedigreise, die Katia und Thomas Mann unternahmen. Sie sind im Roman „Der Tod in Venedig“ eingeflossen.  Die Aufenthalte seiner Frau in einer Kurklinik in Davos inspirierten ihn zum „Zauberberg“.

Düstere politische Wolken hingen über den letzten Sommerurlauben der Familie. Das Aufziehen des NS-Reiches, dem gegenüber sich Thomas Mann  klar positionierte, trübte die Ferienstimmung. Von einer Reise, die das Ehepaar im  Februar 1933 innerhalb Europas antrat, kam es nicht mehr zurück. Sie endete im Exil, zunächst in Zürich später dann in den USA.

Lernen Sie das Seniorenzentrum Karolinenstift kennen.

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